Keine Chance für „Steuer-Bierdeckel“

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Annecke besteht seit 75 Jahren in Hofgeismar

Die Steuerberater Jörg Hellwig, Wolfgang Annecke, Tatjana Pflug und Bert-Jan Annecke (von links) feiern Jubiläum. Wolfgang Annecke hält eine Ausgabe des aktuellen Steuerrechts in der Hand, Tatjana Pflug das gleiche Werk aus der Zeit nach 1945. Bert-Jan Annecke zeigt eine der ersten Rechenmaschinen in der Kanzlei.
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Immer im Wandel: Die Steuerberater Jörg Hellwig, Wolfgang Annecke, Tatjana Pflug und Bert-Jan Annecke (von links) feiern Jubiläum. Wolfgang Annecke hält eine Ausgabe des aktuellen Steuerrechts in der Hand, Tatjana Pflug das gleiche Werk aus der Zeit nach 1945. Bert-Jan Annecke zeigt eine der ersten Rechenmaschinen in der Kanzlei.

Der Zweite Weltkrieg war erst wenige Wochen zu Ende. Die Behörden arbeiteten schon wieder, so auch das Finanzamt. In Hofgeismar entstand ein neues Steuerberater-Unternehmen.

Hofgeismar - In dieser Zeit gründete Dr. Adolf Annecke am 1. August 1945 in der Petristraße seine „Treuhand- und Buchstelle für Wirtschaft und Steuer“. Heute sind Sohn Wolfgang und Enkel Bert-Jan Annecke in der dritten Generation in dem Unternehmen tätig. Die Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Annecke & Partner bestehen 75 Jahre.

Auch wenn es damals um „sehr übersichtliche Beträge“ ging, wie Wolfgang Annecke erzählt, wurde das erste Büro in der Petristraße bald zu klein. Dort unterstützte Schwester Hildegard den Buchprüfer. 1952 erweiterte Adolf Annecke die Geschäftsräume und eröffnete ein Büro am Schöneberger Tor. Vier Jahre später ließ der Steuerberater ein Haus im Ulmenweg bauen. Acht bis neun Mitarbeiter unterstützten den Buchprüfer inzwischen bei der Arbeit.

In die Fußstapfen des Vaters

Wolfgang Annecke trat in die Fußstapfen seines Vaters und arbeite ab Juli 1978 mit ihm gemeinsam in einer Sozietät im Ulmenweg. 1992 zog die Kanzlei in die Räume in der Bahnhofstraße um, in denen sie auch heute ansässig ist: ins ehemalige Hotel Hubertus. Drei Jahre zuvor hatte es durch die Grenzöffnung „einen richtig Schub“ gegeben. Die Kanzlei bekam viele Kunden in Thüringen und Sachsen-Anhalt, von denen einige noch heute betreut werden. Den Kontakt in die neuen Länder hatte Friedrich Rudert hergestellt, der für den Bauernverband dort tätig war, sagt Annecke.

Er erzählt von den Chefs eines Sägewerks, die damals gucken wollten, „wie ein Sägewerk im Westen geht“. Anschließend luden sie zum Gegenbesuch ins 160 Kilometerentfernte Wernigerode im Harz ein. Als Wolfgang Annecke dort eintraf, stand er in einem volkseigenen Betrieb mit 5000 Mitarbeitern. Annecke übernahm die Betreuung – und musste die erste Lohnzahlung organisieren. 5000 Menschen erhielten ihr Geld, und das in bar, weil kaum einer ein Bankkonto hatte.

Mit einem Programm hatte Annecke zuvor ausrechnen lassen, wie viele Münzen und Scheine er brauchte, um den Lohn auszuzahlen, bewacht von bewaffneten Volkspolizisten. „Spannende Zeiten“ seien das gewesen, in denen er viele nette Menschen kennengelernt habe, sagt Annecke. Von den 5000 Mitarbeiter des Sägewerks habe allerdings keiner seinen Arbeitsplatz behalten können, die Firma wurde abgewickelt.

20 Mitarbeiter zählt das Unternehmen

Die Hofgeismarer Kanzlei wuchs. 2001 kam Tatjana Pflug dazu, die seit 2007 Partnerin ist. Zwei Jahre später trat mit Bert-Jan Annecke die dritte Generation der Familie in das Unternehmen ein. Auch er ist inzwischen Partner. 2012 kam Jörg Hellwig, der seit 2015 das Quartett der Partner vervollständigt. Seit 1948 gehört ein kleines Büro in Bad Karlshafen zu dem Unternehmen. Heute sind gut 20 Mitarbeiter in der Kanzlei beschäftigt.

„Die kleinen Kunden verschwinden“, blickt Wolfgang Annecke zurück. Es gebe ja kaum noch Bäcker- und Metzgermeister. Manche Branchen sind ausgestorben, die in der Kanzlei Annecke Rat in Steuerfragen suchten. Andere Mandaten betreuen die Berater dagegen seit 75 Jahren. Um seinen Berufsstand macht sich der 74-Jährige keine Sorgen. Eine „Steuererklärung auf dem Bierdeckel“, die Friedrich Merz einst propagiert hatte, hält er für unmöglich. Das sei bei Arbeitnehmern allein schon wegen der vielen Freibeträge nicht umsetzbar.

Viele Steuergesetze werden in Deutschland erarbeitet

Partner Jörg Hellwig sagt, dass man sich unter Steuerberatern erzähle, dass 70 Prozent aller weltweiten Steuergesetze in Deutschland erarbeitet werden. In der Kanzlei wird an verschiedenen Stellen an die eigene Geschichte erinnert. So sind einige der ersten Briefe zu sehen, die sein Vater geschrieben hatte, berichtet Annecke. Weil damals Papier knapp war, hatte der Vorräte der Nazis verwendet. So wurde die Korrespondenz unter anderem auf den Rückseiten von Feldpostbriefen und Denunziationsbögen erledigt.

Begonnen mit Abwicklung von Kriegsschäden

„Handel, Handwerk, Landwirtschaft, Industrie und freien Berufen“ wollte das Büro Annecke dienen. Dr. Adolf Annecke bot im Juli 1945 Unterstützung „bei der Erledigung sämtlicher für Sie und Ihren Betrieb bedeutsamen Angelenheiten besonderer Natur an“, schrieb er an mögliche Hofgeismarer Kunden. Dazu zählten die „Erledigung und Beratung in allen steuerlichen Angelegenheiten“, Führung der Geschäftsbücher in seiner Buchstelle, Beratung in allen Fragen der Kostenrechnung und Preisbildung. Auch die Abwicklung von Kriegsschäden bot Adolf Annecke in seinem Schreiben an.

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