In Oberweser gestartet

Gefangen im Reinhardswald: Das erlebten wir im Sturm auf dem Weg nach Hofgeismar

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Bei der Fahrt von Oedelsheim nach Hofgeismar sitzt HNA-Redakteur Michael Rieß der Redaktionsschluss im Nacken. Doch die Strecke zieht sich. Sturmschäden machten Straßen unpassierbar.

25 Minuten dauert es von Oberweser-Oedelsheim zur HNA-Redaktion in Hofgeismar. Am Sonntagabend waren es dank Sturm Eberhard fast zwei Stunden. Redakteur Michael Rieß berichtet:

Abfahrt

Zur Halbzeitpause verlasse ich die Sporthalle in Oedelsheim. Es ist 17.39 Uhr. Das Foto ist im Kasten, der schreibende Kollege sitzt noch auf der Tribüne. Der Sturm tobt. Das Navi zeigt für die 25 Kilometer lange Strecke als Ankunftszeit in Hofgeismar 18.03 Uhr an.

1. Waldweg

Bei der Fahrt bis Gieselwerder gibt es keine Probleme. Gedanklich gehe ich meine To-do-Liste durch: Wenn es gut läuft, bin ich um 21 Uhr fertig, ansonsten 21.30 Uhr. Dann das erste Hindernis: Zwischen Gieselwerder und Gottsbüren, kurz hinter „Wasser bergauf“, liegt ein Baum quer. Vor mir fährt ein Rettungswagen. Er biegt rechts in einen Waldweg ein. Der Weg ist schmal, der Krankenwagen langsam. Nach 1,5 Kilometer stoppt er. Ein Baum versperrt die Weiterfahrt. Also rückwärts zurück, bis sich nach ein paar hundert Metern die Möglichkeit bietet, in fünf Zügen zu wenden.

2. Höhenweg

Zurück auf der Landesstraße liegt der Baum immer noch quer. Gegenüber gibt es eine Höhenstraße Richtung Sababurg. Nichts wie rein, auch wenn die Einfahrt schmal ist, da auch hier ein Baum querliegt. 7,9 Kilometer bis zum nächsten Abzweig, sagt mein Navi. Doch soweit komme ich nicht. Nach fünf Kilometer ist Schluss. Ein Baum liegt quer. Also zurück. Die Bäume wiegen sich heftig im Wind. „Gar nicht so ungefährlich“, denke ich mir.

3. Gottsbüren

Also zurück zur Landesstraße. Der querliegende Baum ist mittlerweile beseitigt, die Fahrt nach Gottsbüren möglich. Ich atme auf. Das Navi sagt: Ankunftszeit: 18.31 Uhr. In Gottsbüren sammeln Feuerwehrleute Treib- oder in diesem Falle eher Fluggut ein, das der Wind durch die Straßen fegt. Hinter Gottsbüren biege ich Richtung Beberbeck ab. Autos kommen mir lichthupend entgegen. Zwei Minuten später weiß ich warum: querliegender Baum. Also zurück. Es gibt ja noch den Weg über Friedrichsfeld.

Gibt es nicht, stelle ich fest, als ich die Abzweigung erreiche. Die Feuerwehr sperrt die Straße: „Umgefallene Bäume“, sagt ein Feuerwehrmann, „versuchen Sie es über Sababurg.“

4. Sababurg

Empfohlen, befolgt. Zurück nach Gottsbüren, ab nach rechts Richtung Sababurg. Als ich den Wald verlasse, sehe ich schon Blaulicht. Die Befürchtung wird Gewissheit: „Wir haben den Wald gesperrt. Zu gefährlich“, sagt die Feuerwehr. Die Frage, wie ich nach Hofgeismar komme, kann der Mann nicht beantworten. „Bleiben Sie hier“, rät er freundlich.

Ich bleibe nicht. Fahre ich über Bad Karlshafen oder über Reinhardshagen, überlege ich auf der Rückfahrt nach Gottsbüren. Ich entscheide mich für Reinhardshagen.

5. Veckerhagen

Also von Gottsbüren wieder zurück, am „Wasser bergauf“ vorbei nach Gieselwerder, weseraufwärts nach Reinhardshagen. In Veckerhagen geht es nach rechts. Was sehe ich wenige hundert Meter später? Richtig: Ein quergestelltes Feuerwehrfahrzeug. Zahlreiche Bäume seien umgefallen, wird mir erklärt. Ob man über Münden nach Hofgeismar komme, könne man mir nicht sagen: „Sie wissen, anderes Bundesland. Gieselwerder geht nicht“, sagt der Mann. Langsam wird es eng für mich. Ich rufe im HNA-Haupthaus an. „Wann habe ich Redaktionsschluss?’ „22 Uhr ist kein Problem“, heißt es. „22.30 Uhr ist auch ok. Wenn es später wird, bitte noch mal anrufen. Dann schauen wir, ob wir die Druckfolge ändern können.“ Ich rechne meinen Zeitplan durch. Wenn die Fahrt über Münden und Holzhausen auch nicht klappt, werde ich die 22.30 Uhr reißen müssen.

6. Holzhausen

Im Radio kommt die Meldung: B7 zwischen Vellmar und Calden gesperrt. Hoffentlich klappt die Strecke Wilhelmshausen/Holzhausen, denke ich und rufe sicherheitshalber meinen Kollegen an, der seit dem Vormittag im Einsatz und jetzt auf der Heimfahrt ist. „Ich bin im Reinhardswald gefangen. Fahr doch bitte zurück in die Redaktion“, erläutere ich die Situation.

Ankunft

Kurz hinter Vaake-Süd der nächste Schock. Autos stehen, kommen nicht weiter. Ich steige aus, wie die anderen auch. „Ist hier auch zu?“, frage ich. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht vom Beginn des Kurzstaus bis nach hinten zu mir: „Baum liegt auf der Straße, versperrt sie aber nur halbseitig. Durchfahrt möglich“, so die Botschaft. Tatsächlich. Fünf Minuten später geht es weiter. Die Strecke über Holzhausen klappt. 108 Kilometer und 1:57 Stunden nach der Abfahrt bin ich zurück. Und mit dem Redaktionsschluss? Damit hat es auch geklappt.

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