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Tipps gegen Tricks bei Windkraft-Fotos

Erstellt:

Von: Thomas Thiele

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Am Horizont sind über ein Dutzend Wohnhäuser und Nebengebäude zu erkennen. Dahinter erheben sich scheinbar dichtgedrängt etwa drei bis viermal so hoch fünf Windkraftanlagen..
Scheinbar mitten im Ort stehen diese Windräder zwischen Mariendorf und Udenhausen (vorn). Der Effekt entsteht bei dieser Real-Aufnahme durch ein Teleobjektiv (560 mm Brennweite) aus 2,7 Kilometer Entfernung. © Thomas Thiele

Fotomontagen sind ein beliebtes Mittel, um den Anblick von Windkraftanlagen in einer Landschaft darzustellen. Das hat aber seine Tücken. Wir erklären, warum.

Kreisteil Hofgeismar – Objektive Fotos gibt es nicht, weil jedes Foto mit einer subjektiven Wahrnehmung spielt. Fotos sind immer subjektiv, da sie nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit abbilden und die Bildaussage stark von Aufnahmestandpunkt und Aufnahmebrennweite abhängt. Durch verschiedene Bildwinkel und Positionen können Abstände größer oder kleiner wirken, je nachdem welche Aussage das Foto vermitteln soll. Deshalb ist die HNA sehr zurückhaltend bei der Veröffentlichung von Fotomontagen, bei denen geplante Windkraftanlagen und Landschaften in einem Bild zusammengefügt werden.

Verschiedene Zwecke

Derartige Fotomontagen werden nicht nur in politischen Auseinandersetzungen um Windräder benutzt, sondern sind auch im Genehmigungsverfahren nötig, um die Beeinträchtigung der Umwelt und die Genehmigungsfähigkeit einschätzen zu können. Bislang fehlte vielen Akteuren ein einheitlicher Qualitätsmaßstab zur Erstellung fotobasierter Visualisierungen.

In der Bildmitte ist ein Denkmal mit Brunnendüsen zu sehen. Es reicht vom unteren bis zum oberen Bildrand. Dahinter ist das komplette Rathaus zu sehen.
Weitwinkelfoto: Das Denkmal ist auf jedem Bild nahezu gleich groß, aber der Hintergrund verändert sich deutlich. Dieses Bild entstand mit 24-mm-Weitwinkelobjektiv (bezogen auf Vollformat). © Thomas Thiele
In der Bildmitte ist ein Denkmal mit Brunnendüsen zu sehen. Es reicht vom unteren bis zum oberen Bildrand. Dahinter ist ein Teil des Rathauses mit zwei von drei Fensterreihen zu sehen.
Normalsichtfoto: Das 50-mm-„Normalobjektiv“ (an Kleinbild oder Vollformatkamera) entspricht dem natürlichen Blickwinkel des Menschen. © Thomas Thiele
In der Bildmitte ist ein Denkmal mit Brunnendüsen zu sehen. Es reicht vom unteren bis zum oberen Bildrand. Dahinter ist ein noch kleinerer Teil des Rathauses mit eineinhalb Fensterreihen zu sehen.
Telefoto: Bei weiter vergrößertem Abstand (für einen gleichbleibend großen Brunnen) verdichten 100 Millimeter Brennweite das Motiv noch stärker. © Thomas Thiele

Übertriebene Wirkung

Es lässt sich schon beim Fotografieren bereits existierender Anlagen feststellen, dass die subjektive Sichtweise der Betrachter ein großes Problem ist. Mit einem Weitwinkelobjektiv können die hohen Türme entweder klein wirken, bei großem Abstand, oder monströs überzeichnet, bei Fotos aus der Nähe. Ebenso können Teleobjektive die Abstände zwischen Objekten stark verkürzen und die Wirkung verdichten, auch jeweils abhängig vom Aufnahmeabstand, wie das große Foto oben zeigt. Es wurde von der Straße nach Carlsdorf an der scharfen Kurve mit Baum aufgenommen, fast drei Kilometer von der ersten Windkraftanlage entfernt. Durch die Telewirkung rücken Häuser und Rotoren dicht zusammen, obwohl zwischen den Häusern und dem ersten Windrad 1300 Meter liegen.

Schwer zu berechnen

Erst recht unberechenbar und subjektiv werden dann Fotomontagen, wo Windräder als Realfotos oder Grafiken nachträglich in Landschaftsfotos hineingesetzt werden. Da sind dann nicht nur die eben genannten Wirkungen der optischen Gesetze wirksam, sondern auch unterschiedliche Licht- und Wettersituationen und schwer zu berechnende Größenverhältnisse. Dem Betrachter fehlt meist ein absoluter Größenvergleich. Ein Betrachter muss sich also immer bewusst machen, wie der auf dem Bild erscheinende Effekt erzielt wurde.

Augeneindruck

Am verlässlichsten sind Bilder, bei denen alle Elemente mit sogenannten Normalobjektiven aufgenommen wurden, bei denen der Bildwinkel zwischen 40 und 55 Grad ungefähr dem menschlichen Augeneindruck entspricht. Denn dann entsprechen die Größenverhältnisse von Objekten, die im Raum hintereinander angeordnet sind, ungefähr der natürlichen menschlichen Sicht.

Expertentipps

Um eine einheitliche Empfehlung für Fotos und Fotomontagen von Windkraftanlagen zu erarbeiten, haben sich zwei Dutzend Fachleute aus Regierungspräsidien, Denkmalpflege, Archäologie, Gutachterbüros und Planungsbüros von Windkraftanlagen in mehreren Workshops und Onlinekonferenzen zusammengetan, um eine „Gute fachliche Praxis für die Visualisierung von Windenergieanlagen“ zu erarbeiten. Hier folgt eine kleine Liste ihrer Empfehlungen, die sowohl von Befürwortern wie Gegnern von Windkraftanlagen genutzt werden können. 

Leitfaden für Windkraft-Fotomontagen

1. Anlagenstandpunkte per Kompass/Karte/Geodaten ermitteln. 2. Repräsentative Fotostandpunkte wählen, die man als normaler Fußgänger erreichen kann (keine Luftaufnahmen). 3. Position der Kamera ermitteln (GPS). 4. Digitalkamera mit Normalobjektiv (50 mm bei Kleinbild/Vollformat) verwenden. 5. Aufnahmehöhe 1,5 bis 1,7 Meter. 6. Waagerecht fotografieren (Neigung vermeiden). 7. Bei Panoramaaufnahme (mindestens 180 Grad), Schwenk mit maximal 10 Grad pro Bild. 8. Die Visualisierung/Montage erfordert exaktes Rechnen und die Berücksichtigung optischer Gesetze. Spezielle Visualisierungssoftware berücksichtigt Daten der Fotos sowie Digitale Gelände- oder Oberflächenmodelle (DGM/DOM). 9. Referenzpunkte (Gebäude, Bäume, Zäune) dokumentieren und einmessen (GPS). 10. Wetter und Licht (klare Sicht, Sonne im Rücken) beachten.

(Thomas Thiele)

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