Mögliche Verbindung zur Rockerszene

Haben drei Hofgeismarer bei 200 000-Euro-Betrugsversuch in Erfurt geholfen?

Beerdigung eines Rockerbosses: Mitglieder der Hells Angels am 12. Oktober 2016 vor einem Friedhof in Gießen. Dort wurde ein erschossener Hells-Angels-Präsident beigesetzt.
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Beerdigung eines Rockerbosses: Mitglieder der Hells Angels am 12. Oktober 2016 vor einem Friedhof in Gießen. Dort wurde ein erschossener Hells-Angels-Präsident beigesetzt. Später sollen dort zwei der drei nun in Erfurt wegen Betrugsversuchs angeklagten Hofgeismarer Blumen am Grab abgelegt haben.

Haben drei Männer aus Hofgeismar beim Versuch mitgeholfen, von einer Frau in Erfurt mit einer Betrugsmasche Geld und Silberbarren im Wert von 200 000 Euro zu erbeuten?

Hofgeismar/Erfurt - Um diese Frage geht es derzeit am Amtsgericht in der thüringischen Landeshauptstadt. Die Angeklagten, denen bei einer Verurteilung zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft drohen, könnten nach Medienberichten auch Verbindungen in die Rockerszene haben.

Nachdem ein erster Verhandlungstag noch nicht zu einem Urteil führte, ist der nächste Termin für den morgigen Dienstag, 1. Juni, angesetzt, wie ein Sprecher des Amtsgericht Erfurt der HNA auf Anfrage bestätigte. Demnach stellt sich der Fall, wie auch der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtet hat, so dar: Die drei Männer aus Hofgeismar im Alter von 25 und 26 Jahren sollen, so heißt es von der Staatsanwaltschaft, am 23. Februar dieses Jahres an dem Betrugsversuch in Erfurt beteiligt gewesen und Teil eines kriminellen Netzwerks sein, das mit dem Trick des „Falschen Polizisten“ schon seit Jahren in Deutschland agiere.

Ähnliche Fälle gibt es auch immer wieder in Stadt und Landkreis Kassel. Dabei geben sich Anrufer am Telefon als Polizisten aus und versuchen, ältere Menschen davon zu überzeugen, dass deren Geld zuhause oder bei der Bank nicht sicher sein – etwa, weil ein Einbruch oder ein Betrug im Geldinstitut bevorstehe. Die vermeintlichen Polizisten erklären, es sei sicherer, das Geld an einen ihrer Beamten zu übergeben.

Dann wird ein Termin vereinbart – die Opfer übergeben das Geld an einen Abholer und sehen es nie wieder. In der Stadt Kassel beispielsweise hatte 2020 eine Seniorin einen fünfstelligen Geldbetrag sowie Schmuck in eine Tüte gepackt und um Mitternacht an ihrer Haustür einem Abholer übergeben.

In Erfurt ging es nun sogar um eine sechsstellige Summe. Die drei Männer aus Hofgeismar sollen dabei als Abholer vorgesehen gewesen sein, so der Vorwurf der Anklage. Allerdings sei ihnen die Kripo Erfurt nach einem Tipp des Landeskriminalamtes Hamburg schon auf den Fersen gewesen, berichtet der MDR weiter. Die echten Polizisten stellten demnach gemeinsam mit der 81-jährigen Seniorin den Abholern eine Falle. Als einer der drei Männer, gedeckt von den beiden anderen, eine wie verabredet auf einer Mülltonne deponierte Tüte ergriffen habe, sei das Trio festgenommen worden.

Es steht auch die Frage im Raum, ob es in dem Fall Verbindungen in die Rockerszene: So berichtet es der Mitteldeutsche Rundfunk mit Bezug auf den bisherigen Verlauf der Verhandlung. Handyauswertungen hätten ergeben, dass zwei der Angeklagten per Whatsapp Verbindungen zu einem mutmaßlichen Schwerkriminellen aus Hessen gehabt haben sollen.

Dieser habe ihnen laut Aussage eines Polizisten auch gedankt, nachdem zwei der Hofgeismarer mit einem anderen Mann das Grab eines ermordeten hessischen Hells-Angel-Bosses in Gießen besucht hätten – was die Ermittler laut MDR anhand eines Handy-Fotos erkannt hätten. Dabei sollen die Männer auch Blumen niedergelegt haben, heißt es weiter. Ein 45-jähriger Gießener Hells-Angels-Präsident war im Oktober 2016 auf dem Gelände des damaligen Clubheims der Rocker in Wettenberg (Kreis Gießen) von mindestens 16 Kugeln getroffen worden. Die Hintergründe der Tat sind bis heute nicht geklärt worden.

Nach Informationen des MDR könnte es Verbindungen aus der kriminellen Rockerszene in Deutschland zu Call-Centern in der Türkei geben, von denen aus Betrugsanrufe falscher Polizisten – wie im nun in Erfurt verhandelten Fall – ausgehen sollen. In Erfurt wurde die Tat von der Polizei vereitelt, die angerufene 81-Jährige wurde nicht um Geld und Silber im Wert von 200 000 Euro gebracht, die drei Angeklagten aus Hofgeismar wurden festgenommen.

Am ersten Verhandlungstag hätten zwei der drei jungen Männer angegeben, sie hätten in Erfurt für eine Bezahlung von je 500 Schulden eintreiben sollen, das Geld werde auf einer Mülltonne deponiert: So berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk weiter. Von der Betrugsmasche hätten sie nichts gewusst. Der dritte Angeklagte erklärte demnach, er habe bei einem der beiden anderen übernachtet, sei dann nur durch Zufall mit nach Erfurt gefahren und habe bis zuletzt nicht gewusst, worum es ging. Wie das Gericht die Aussagen am Ende bewertet, wird sich zeigen. Am zweiten Verhandlungstag in Erfurt am morgigen Dienstag sollen voraussichtlich weitere Zeugen zu dem Fall vernommen werden.

Nach einem Urteil in Thüringen könnte das Ganze für zwei der Angeklagten aber noch nicht erledigt sein. In Hessen soll ein weiteres Verfahren anstehen, in dem es auch um eine mutmaßliche Beteiligung der Hofgeismarer an solchen Betrugstaten geht. (Matthias Müller)

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