Mann will klagen 

Vermögen verzockt: Spielsüchtiger konnte trotz Sperre weiterspielen

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Das Daddeln am Glücksspielautomaten ist für viele ein regelmäßiger Zeitvertreib: Den Vorwurf mangelnder Kontrollen halten Hofgeismarer Spielhallenbesitzer und Angestellte für gezielt gestreute Gerüchte von Konkurrenten.  

Hofgeismar. Der Drang war zu groß: Trotz Sperre konnte ein Hofgeismarer an Glücksspielautomaten über Monate weiterspielen. 

Mehmet A. (Name von der Redaktion geändert) ist ein freundlicher junger Mann. Er ist beliebt bei seinen Kumpels und in seinem Fußballverein ein anerkannter Sportskamerad. Doch Mehmet hat ein Problem: Nach eigenen Angaben ist er spielsüchtig. Seine Sucht habe ihn schon ein kleines Vermögen gekostet, sagt er.

Aber Mehmet gibt sich auch einsichtig und zur Selbstreflexion fähig. Nachdem er in den vergangenen Jahren tausende Euros in den Glücksspielautomaten der Stadt versenkt habe, fasste er einen klugen Entschluss: Er ließ sich für Glücksspiele sperren.

Die Selbstsperre ist eine Möglichkeit, die Paragraph 8 des Glücksspielstaatsvertrages der Länder bietet. Spielsüchtige können sich bei den Anbietern von Glücksspielen registrieren und sperren lassen. Bei einer Fremdsperre sorgen die Anbieter oder auch Dritte dafür, dass Betroffene gesperrt werden, wenn sie Gefahr laufen sich zu überschulden.

Doch bei Mehmet habe die selbst auferlegte Sperre nicht lange gehalten, sagt er. Nur kurze Zeit nach seiner Registrierung habe ihn wieder der unwiderstehliche Drang überkommen. Er betrat eine Spielothek, unterhielt sich freundlich mit dem Personal und alten Bekannten und kaum hatte er sich versehen, landete der erste Euro im Schlitz eines Automaten. In den nächsten Monaten sollten wiederum tausende folgen.

Bis zu 20.000 Euro verloren 

Mehmet sagt, dass er an manchen Tagen in den vergangenen sechs Monaten mehr als 200 Euro verloren hat. Dabei sei auch sein letztes Erspartes draufgegangen, das er eigentlich für den Führerschein zurückgelegt hatte. Aber Mehmet sagt, aufgrund seines Jobs und seines Verdienstes habe er, noch eine Zeitlang seine Sucht finanzieren können. Aber zuletzt hätten ihm auch Freunde Geld leihen müssen. Bis zu 20.000 Euro habe ihn seine Sucht im letzten halben Jahr gekostet.

Aber Mehmet sieht sich auch als Opfer: Er sagt, dass er trotz seiner Sperre immer wieder problemlos freien Zugang zu den Automaten gehabt habe. Kein Betreiber, kein Angestellter habe ihn jemals aufgehalten. Und auch die Stadt Hofgeismar, deren Ordnungsamt die amtliche Aufsicht über Spielhallenbetriebe führt, sei nicht eingeschritten.

Den Schaden der Nachlässigkeiten von Stadt und Betreibern habe er nun zu tragen, sagt Mehmet. Deshalb will er sich nun einen Anwalt nehmen und die Möglichkeiten einer Klage prüfen. „Ich rechne damit, dass die mir wenigstens einen Teil meiner Verluste ausgleichen müssen“.

Hakan Efendi, Betreiber der Spielhalle in der Alten Post, hält die Vorwürfe für völlig haltlos. Bei ihm müsse sich jeder ausweisen. Efendi sagt, hinter den Gerüchten stecke ein Konkurrent, der eine neue Spielhalle am Jahnsportplatz bauen lässt. 

Glücksspielsperren: 8000 Eintragungen in Hessen

Seit Mai 2014 können sich Spielsüchtige in die Sperrdatei „Oasis“ eintragen lassen. Bis 2015 sollen es bereits 8000 Personen gewesen sein, die davon Gebrauch machten. Das geht aus einer Anfrage des Innenministeriums auf eine Anfrage der SPD-Fraktion hervor. Betreiber, die Menschen trotz Sperre spielen lassen, begehen eine Ordnungswidrigkeit. 

Der Münzautomatenverband beklagte die Möglichkeit der Selbst- und Fremdsperre als stark geschäftsschädigend, der Umsatz der Branche sei um mehr als ein Viertel zurückgegangen, hieß es. Suchtexperten sehen die Sperre als wirkungsvoll und besonders wichtig für Spielhallen an. 75 Prozent aller Spielsüchtigen gehen dort ihrer Sucht nach. Der Umsatz der Branche lag 2014 laut Statistikportal Statista bei knapp 4,9 Milliarden Euro. 

Laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind besonders Männer, Arbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund Spielsucht gefährdet. 2001 erkannten die Krankenkassen Glücksspielsucht als behandlungsbedürftige Krankheit an. 

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Interview mit einer Beraterin: Das sind Anzeichen einer Spielsucht

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