Pläne für Atommüllendlager in Würgassen

Bis zu zehn Atommüllzüge nach Würgassen täglich

+
Protest gegen Würgassen: Im Dreiländereck stößt das geplante Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll auf Widerstand.

Würgassen soll zur Drehscheibe für Atommüll werden. Die Pläne für das Logistikzentrum für schwach und mittelradioaktiven Abfall sorgen über Ländergrenzen hinweg für Ablehnung.

Nicht überrascht über den Widerstand gegen das geplante Logistikzentrum für Atommüll im Dreiländereck in Würgassen ist der Staatssekretär im Umweltministerium, Jochen Flasbarth (SPD). „Das ist an allen Standorten für Zwischenlager so“, sagte der Bundespolitiker in einer Videokonferenz mit der HNA.

Wie berichtet, soll auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Würgassen im Dreiländereck von Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ein Logistikzentrum für schwach und mittelradioaktiven Müll entstehen. Geplant ist ein Bauwerk von 325 Meter Länge, 125 Meter Breite und 16 Meter Höhe aus Stahlbeton. Die Kosten sind mit 450 Millionen Euro veranschlagt. Etwa 100 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Würgassen: Ablehnung über Ländergrenzen hinweg

In der Region stoßen die Pläne auf Ablehnung. Bürgermeister, Landräte und Landtagsabgeordnete im Dreiländereck sprachen sich über Partei- und Ländergrenzen hinweg gegen die Pläne aus. Auch die die Große Koalition in Berlin mittragenden Bundestagsabgeordneten der Region sehen Würgassen als die zentrale bundesdeutsche Drehscheibe für radioaktiven Müll äußerst skeptisch. 

Das machen die Abgeordneten, unter ihnen auch Esther Dilcher (SPD, Hofgeismar) in einem Brief an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) deutlich. Darin wird unter anderem die „vertiefte Prüfung mehrerer Standorte“ gefordert.

In Würgassen sollen unterschiedliche Gebinde aus schwach- und mittelradioaktiven Abfällen sortiert, kontrolliert und zu einzelnen Chargen zusammengestellt werden, um sie „just in time“ in Schacht Konrad einlagern zu können. Der Schacht bei Salzgitter ist das erste genehmigte Endlager für strahlenden Müll in Deutschland und soll 2027 in Betrieb gehen. Am oder in der näheren Umgebung des ehemaligen Eisenerzbergwerkes lasse sich kein geeignetes Grundstück im Bundesbesitz für ein Zwischenlager finden.

Zehn Standorte überprüft, Würgassen am geeignetsten

Auf Basis des Anforderungsprofils für solch ein Logistikzentrum hätten die Experten zehn konkrete Standorte genauer unter die Lupe genommen und letztlich Würgassen als am geeignetsten ausgewählt. „Dabei haben wir mit doppeltem Netz gearbeitet und das Öko-Institut Darmstadt unsere Kriterien und Auswahl prüfen lassen“, sagt Flasbarth. 

Dass in der Region dabei viele Fragen aufkommen, ist für den Umwelt-Staatssekretär verständlich. Wenn man Atomenergie beenden wolle, müsse man aber auch die Hinterlassenschaften umweltverträglich endlagern.

Über die Forderung der Bürgerinitiative „Kein Atomdreck im Dreiländereck“, die Planungen in der Coronazeit auszusetzen, hat sich Flasbarth „sehr gewundert“. „Das Verfahren kann frühestens Mitte 2021 starten.“ Die Kritik, dass die Öffentlichkeit wie auch die Politik im Dreiländereck viel zu spät informiert worden sei, weist der Staatssekretär entschieden zurück: „Es gab keinen Zeitpunkt, wo man das früher hätte mitteilen können.“

Würgassen: Jährlich 10 000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Müll 

Den öfter geäußerten Verdacht, dass Schacht Konrad nach heutigen Erkenntnissen als atomares Endlager nicht mehr genehmigungsfähig wäre und deshalb dort kein Bereitstellungslager errichtet werden könne, weist Flasbarth „mit Schärfe“ zurück. „Die Genehmigung für Schacht Konrad ist nicht fahrlässig ausgesprochen worden.“

In einem Logistikzentrum Würgassen sollen jährlich etwa 10 000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Müll umgeschlagen werden. Die Transporte sollten über die Bahn abgewickelt werden, sagt Heinz Walter Drotleff, der bei der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung für das Projekt Logistikzentrum verantwortlich zeichnet. 

Atommüll aus 35 Zwischenlagern

Dazu würden täglich bis zu zehn Güterzüge von und nach Würgassen rollen. Man gehe von einer 30-jährigen Laufzeit aus. Das sei etwa der Zeitraum, in dem die Kapazität von 303 000 Kubikmetern in Schacht Konrad ausgeschöpft sei. Die Lagerkapazität des Logistikzentrums Würgassen soll nach Angaben der BGZ 60 000 Kubikmeter betragen. 

Der strahlende Müll kommt aus bisher 35 Zwischenlagern in Deutschland. Dabei handelt es sich zu zwei Dritteln um radioaktive Abfälle aus 16 Akw-Standorten. Weitere Anteile stammen aus Forschungseinrichtungen, der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe, der Industrie und der Medizin.

Inzwischen laufen die ersten Bohrungen für das Atommülllager bei Würgassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.