Interview mit Klinikchef Prof. Stefan Andreas

Lungenarzt über Corona: „Es gibt keine einfache Lösung“

Das Bild zeigt Ärzte und Pflegekräfte der Lungenfachklinik Immenhausen auf der Intensivstation.
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Intensivstation der Lungenfachklinik: von links Chefarzt Prof. Dr. Stefan Andreas, Stationsärztin Nina Paulovich und die Gesundheits- und Krankenpfleger Stephanie Georg, Sebastian Sandrock und Alexandra Carls.

Auch in der Immenhäuser Lungenfachklinik musste sich das Personal mit dem Coronavirus auseinandersetzen. Darüber sprachen wir mit Chefarzt Prof. Dr. Stefan Andreas.

Herr Prof. Dr. Andreas, wie sehr sind die vergangenen Monate an die Substanz gegangen?
Das war zunächst eine Zeit der Unsicherheit, mit einer hohen emotionalen Belastung für alle Mitarbeiter. Aber wir haben davon profitiert, dass wir ein kleines Haus sind. Wir konnten mit den Mitarbeitern persönlich sprechen und haben schnell einen Krisenstab eingerichtet. Bei uns gab es kaum Krankmeldungen. Unsere Mitarbeiter fühlten sich sicher.
Wie war die Intensivstation der Lungenfachklinik ausgelastet?
Die Verteilung der Patienten wurde vom Land gut gemanagt. Wir hatten jederzeit noch Intensivbetten frei. Sechs Betten standen auf unserer Intensivstation zur Verfügung. Wir sind da im Gleichschritt mit anderen Häusern gegangen.
Was erwarten Sie jetzt im Herbst?
In Nordhessen sind wir bisher ziemlich gut durch die Pandemie gekommen. Bei Bedarf können wir deshalb die Behandlung von Covid-Patienten jederzeit wieder intensivieren, auch wenn wir augenblicklich wieder gut belegt sind.
Können Patienten in Ihrem Haus besucht werden?
Bei den uns anvertrauten besonders gefährdeten Patienten sind wir konsequent vorsichtig. Nach Rücksprache mit unseren Ärzten können Angehörige sie jedoch in besonderen Fällen bei schwerem Krankheitsverlauf, zum Beispiel auf der Palliativstation, besuchen. Das akzeptieren unsere Besucher gut, denn das dient auch dem Schutz ihrer Angehörigen.
Wie alt waren die Patienten in Ihrem Haus, die Sie wegen des Coronavirus behandeln mussten?
Zu Beginn waren es meist ältere Menschen. Und die waren schwer erkrankt. Inzwischen sind die Patienten jünger, etwa 30 bis 50 Jahre, und nicht so stark symptomatisch. Deshalb müssen sie kaum im Krankenhaus behandelt werden.
Was macht Corona so gefährlich?
Die Ansteckung macht dieses Virus so gefährlich. Auch wenn noch keine Symptome zu beobachten sind, kann die Krankheit schon durch Sprechen und Atmen übertragen werden. Außerdem können Entzündungsreaktionen im Körper entstehen, die alle Organe beeinträchtigen können. Insbesondere die Lunge als lebenswichtiges Organ ist weiterhin stark betroffen.
Desinfektionsmittel, Abstände, Mund-Nasen-Schutz: Müssen wir uns daran gewöhnen?
Das hängt davon ab, wie es weitergeht, insbesondere auch davon, ob eine wirkungsvolle Impfung entwickelt wird. Gerade in Grippezeiten werden Hygienemaßnahmen unverändert wichtig sein. AHA ist richtig gut wirksam: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske. Dass Deutschland so gut durch die Krise gekommen ist, ist der frühen und konsequenten Umsetzung dieser Maßnahmen zu verdanken.
Sie sprechen die Masken an. Sind Plastikvisiere genauso effektiv?
Masken sind extrem hilfreich, das ist erwiesen. Plastikschutzschilde sind hingegen nicht so wirkungsvoll. Das Visier schließt nicht mit dem Gesicht ab. Daher können die Visiere die Ausbreitung der Aerosole (feinste Tröpfchen in der Luft, die Redaktion) nicht gut vermeiden und schützen schlechter vor Ansteckung.
Rauchen und Covid-19: Welche Folgen hat das?
Raucher und E-Zigaretten-Raucher erkranken schwerer an Covid-19. Dazu gibt es wissenschaftliche Analysen, unter anderem von der Europäischen Union. Auch tödliche Verläufe der Erkrankung sind bei Rauchern häufiger.
Wann wird ein Impfstoff vorliegen?
Viele Unternehmen arbeiten mit viel Geld an der Entwicklung von Impfstoffen. Aber das wird nicht einfach, es gibt keine einfache Lösung des Problems. Vermutlich wird ein Impfstoff nicht hundertprozentig wirksam sein – oder er wird Nebenwirkungen haben.
Für Pflegekräfte sollte es laut Gesundheitsminister Spahn eine Prämie geben. Hat Ihr Personal davon schon profitiert?
Die Mitarbeiter in Pflegeheimen haben schon 1500 Euro für ihren Einsatz bekommen. Unser Personal würde sich über eine entsprechende Anerkennung ebenfalls freuen. (Nela Müller und Bernd Schünemann)

Zur Person

Prof. Dr. Stefan Andreas wurde 1961 in Bremen geboren. Er ist Facharzt für Pneumologie und Kardiologie. Seit 2005 ist er Chefarzt der Lungenfachklinik Immenhausen. Außerdem lehrt er an der Universität Göttingen. Andreas ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. mik

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