HNA-Serie: Hofgeismar 2030 - Leben in Zukunft

Interview mit Sera-Chef Carsten Rahier: "Betrieb wird zum Lebensraum"

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Zielsicher in die Zukunft: In vielen Bereichen hat Carsten Rahier sein Unternehmen schon fit für die Zukunft gemacht. 

Immenhausen. Mit 2017 startet auch unsere Serie "Hofgeismar 2030 - Leben in Zukunft". Den Auftakt macht ein Gespräch mit dem Chef des Immenhäuser Unternehmens Sera, Carsten Rahier.

Herr Rahier, wir sitzen uns beim Interview gegenüber. Wird der Chef eines zwar mittelständischen, aber weltweit tätigen Unternehmens in nicht allzu ferner Zukunft nur noch per Video-Konferenz seine Gespräche führen?

Carsten Rahier: Auf keinen Fall. Natürlich schreitet die Digitalisierung weiter voran und wir verwenden auch heute schon Video-Konferenzen für internationale Meetings. Aber persönliche Kontakte werden auch in Zukunft bedeutsam bleiben, um Menschen näher kennenzulernen und Vertrauen untereinander aufzubauen. Dies wird für ein Unternehmen wie unseres auch zukünftig wichtig sein: Das geht nicht ausschließlich über Elektronik.

Wenn Sie im Jahr 2030 ins Büro kommen, werden Sie Ihre Mitarbeiter dann noch hier treffen, oder arbeiten alle von zu Hause aus?

Rahier: Die meisten werden vermutlich hier arbeiten, aber es wird auch dezentrale, möglicherweise sogar mobile Arbeitsplätze geben, die virtuell angebunden sind. Aber Prognosen sind in diesem Bereich sehr schwierig. Die Betriebe werden zudem neue Lösungen finden müssen zwischen betrieblicher Belange und den steigenden Wünschen und Anforderungen ihrer Mitarbeiter in Bezug auf Arbeitszeit und persönlicher Lebensgestaltung, um gute Fachkräfte und hochqualifiziertes Personal zu finden und zu halten.

Wird es denn so schwierig, gute Mitarbeiter zu finden?

Rahier: Ja. Das spüren viele Unternehmen heute schon, ob Fachkräftemangel und fehlender Nachwuchs. Wir tun bei Sera heute schon sehr viel dafür, um junge Menschen für unser Unternehmen zu begeistern und zu gewinnen. Die jungen Menschen sind heute viel mobiler und überregionaler orientiert als früher. Die gut ausgebildeten jungen Menschen gehen dahin, wo sie ein guter, interessanter und abwechslungsreicher Arbeitsplatz erwartet, ob vor der Haustür oder weit weg.

Also dorthin, wo am meisten bezahlt wird.

Rahier: Absolut nicht. Da hat sich der Anspruch der jungen Mitarbeiter stark gewandelt. Als ich in den Beruf einstieg, wollte ich Perspektiven sehen und dachte an Karriere. Wer heute anfängt, ist hoch motiviert, will aber sein Privatleben, seine Interessen nicht an der Eingangstür der Firma abgeben. Sie wollen einerseits eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit ausüben, anderseits aber beispielsweise auch die Freiheit haben, mal ein Sabbatical, also ein Jahr Auszeit, nehmen zu können oder die Väter in Erziehungsurlaub gehen. Sie sprechen dies offen an. Die zukünftigen Arbeitszeitmodelle müssen deshalb noch stärker auf diese neuen Anforderungen der Mitarbeiter eingehen. Ein junger Familienvater hat beispielsweise andere Ansprüche als jemand, der kurz vor dem Ruhestand steht. Die Betriebe werden sich hier auf einen starken Wandel einstellen müssen.

Kann das ein mittelständisches Unternehmen wie Ihres in der Stadt Immenhausen überhaupt leisten?

Rahier: Wir müssen es uns leisten können,wenn wir als attraktiver Arbeitgeber weiterbestehen wollen. Aber: Je kleiner das Unternehmen, umso größer ist diese Herausforderung. Mitarbeiter verbringen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in Unternehmen. Deshalb müssen sie gerne zur Arbeit kommen und dort gute Rahmenbedingungen vorfinden.

Deshalb also der Kickerautomat und die Dartscheibe in der Cafeteria.

Rahier: Das ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir unseren Mitarbeitern bieten. Wir haben Sport- und Yoga-Kurse in der Firma, Freizeitmannschaften im sportlichen Bereich oder, ganz neu, auch verbilligte Angebote, wenn jemand ins Fitnessstudio geht

Ist das Ihr Weg, um den Krankenstand zu senken?

Rahier: Ganz ehrlich: Das interessiert mich in dem Zusammenhang nicht. Mir persönlich geht es eher darum, als Unternehmen attraktiv für gute Mitarbeiter zu sein und als Unternehmen verantwortlich für seine Menschen zu handeln. Denn der Betrieb ist auch Lebensraum. Und wird es immer stärker, gerade bei den jungen Mitarbeitern. Work-Live-Balance wird gerade für die jungen Menschen immer wichtiger.

Und um diese Balance zu halten, gibt es auch einen „room of inspiration“ bei Sera. Was muss ein Bewerber im Jahr 2030 besser können: Gut englisch sprechen oder fehlerfrei deutsch schreiben?

Rahier (lacht): Beides wäre ideal. Aber Sie wollen ja eine konkrete Antwort. Ich vermute, es wird mehr auf gutes Englisch sprechen hinauslaufen.

Hintergrund:

Zum Jahreswechsel richtet man traditionell den Blick nicht nur auf das vergangene Jahr, sondern auch in die Zukunft: Aus diesem Anlass startet die HNA die Serie „Hofgeismar 2030 – Leben in Zukunft“. Dabei diskutieren wir mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik, Kirche und Medizin, was auf die Menschen im Kreisteil Hofgeismar zukommt. Die zentrale Frage: Wie sieht unsere Heimat im Jahr 2030 aus?

Zum Auftakt haben wir mit Sera-Chef Carsten Rahier gesprochen. Das Unternehmen ist auf Dosier- und Kompressionstechnik spezialisiert. Insgesamt sind bei Sera 230 Mitarbeiter beschäftigt, davon 200 am Hauptstandort Immenhausen. Im Interview geht es vor allem um die Arbeitswelt der Zukunft.

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