Deutschlands bekanntester Rollstuhlfahrer 

Darum war die Lesung mit Samuel Koch in Immenhausen so stark

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Verarbeiten Schicksalsschläge: Autor Samuel Koch wird von Mirjam Thöne begleitet, die ihm bei der Lesung hilft und zwischendurch fremde und eigene Kompositionen singt.

Den Großteil der 250 Zuschauer und -hörer hat Samuel Koch nach fast drei Stunden für sich und seine Anliegen gewonnen. Dafür gibt es vier Gründe.

Wer eine Petition zur Stärkung der Pflege nicht unterschreibt, dem will Samuel Koch „liebevoll in die Hachsen fahren“. Eine Drohung, die der 31-Jährige bei seiner Lesung in der Immenhäuser St.-Georg-Kirche nicht wahr machen muss. Hier die vier Gründe, warum sich die Lesung gelohnt hat.

1. Sein Mut:

Achteinhalb Jahre ist es her, dass Koch in der Sendung „Wetten, dass...?“ vor laufender Kamera schwer verunglückte und seitdem querschnittgelähmt im Rollstuhl sitzt. Doch weder Unfall noch die etwa einjährige Rehabilitationszeit thematisiert er ausführlicher. Koch spricht vielmehr über das, was er nicht ein „zweites Leben“, sondern ein „Leben unter anderen Voraussetzungen“ nennt. Und dass er allergisch auf den Satz „Das geht nicht“ reagiert. Was alles gehe, habe er schon bewiesen, als er mit Klebeband an einen Freund gebunden eine Wüstentour auf dem Quad machte oder sich in ein wildes Kirmesfahrgeschäft schnallte, aus dessen Sitz er während der Fahrt halb herausrutschte. So etwas zu erzählen und so seine Schwächen zu offenbaren – dafür braucht es Mut.

2. Sein Humor:

Nicht eine Sekunde lässt sich Kochs Schicksal ausblenden. Seinen Kopf kann er bewegen, die Hände minimal. Und dennoch lacht man mit ihm und über ihn, traurig ist man nie. Sein erstes Buch hätte er passend zu seiner Reha gerne „Mein Kampf“ genannt, scherzt er. Die Pause in der Mitte des Programms verhandelt er mit dem Publikum auf exakt 13 Minuten und der Bitte von Politikern, ob er bei der Abschaffung des Pflegenotstandes bis 2030 unterstützen könne, entgegnet er: „Also, da habe ich Zeit“.

3. Seine Spontaneität:

Angekündigt unter dem Titel „Rolle Vorwärts“, dem Namen seines zweiten Buches, erklärt Koch schon zu Beginn, dass dies wohl irreführend sei. Schließlich gebe es inzwischen schon ein neueres („StehAufMensch!“) und ohnehin wolle er lieber wild zwischen seinen drei Werken wechseln. Und er will mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Weil das aber nur mäßig klappt und nur eine Frage gestellt wird, liest Koch eben weiter Texte, quasselt und freut sich, die Musik seiner Freunde zu hören.

4. Die Musik:

Mirjam Thöne und Dirk Menger heißen die Künstler, die Koch begleiten. Der Pianist und die Sängerin füllen Pausen mit ihrer Musik. Er unterlegt zurückhaltend auch Kochs Textpassagen, sie hält ihm die Bücher. Der härteste und zugleich schönste Moment des Abends ist Thönes Eigenkomposition über ihren verstorbenen Sohn. „Das schwerste Schicksal, das ich mir vorstellen kann.“ Das sagt Samuel Koch. Bewegend.

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