Tagung "Mode-Bewusst" in Hofgeismar

Interview mit Designerin Johanna Betz über nachhaltige Mode: „Fair bezahlt werden möchte jeder“

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In eigener Kreation: Johanna Betz in einem Blazer ihres 2018 gegründeten Modeunternehmens.

Mit Nachhaltigkeit in der Modebranche befasst sich eine Tagung „Mode-Bewusst“ der Evangelischen Akademie Hofgeismar.

Zu den Referenten gehört Johanna Betz aus Edertal (Waldeck-Frankenberg), die für ihr Label „peaceman’s daughter“ Kleidung nachhaltig herstellt. Im Interview erläutert die 27-Jährige, warum Kunden nicht allein nach dem Preis fragen sollten.

„Nachhaltig“ ist Trend auch in der Modebranche. Ist es nicht etwas viel verlangt, wenn Kunden sich jetzt Gedanken machen sollen, wie Näherinnen bezahlt und ob Stoffe nachhaltig hergestellt werden?

Darüber müssen die Kunden nicht nachdenken, das machen wir ja. Ich finde aber generell, dass es nicht zu viel verlangt ist, fair einzukaufen. Dabei geht es um Menschlichkeit und Wertschätzung. Für seine Arbeit wertgeschätzt und fair bezahlt werden möchte doch jeder.

Woran erkennen Sie, ob eine Näherin fair bezahlt wird?

Das Stichwort heißt „existenzsichernde Löhne“, die teilweise über dem Mindestlohn liegen. In der Näherei in Österreich, in der meine Entwürfe gefertigt werden, kennt der Chef zum Beispiel alle Näherinnen mit Namen. Unser Stoffproduzent kauft Biobaumwolle in Uganda und Kirgistan. Das sind langfristige Geschäftsbeziehungen, man kennt sich, man ist im Dialog, man kennt die Plantagen. Da geht es nicht darum, jetzt und gleich beim billigsten Anbieter zu kaufen, sondern um angemessene Preise.

Das hört sich ein wenig romantisch an.

Ja (lacht).

Kommt genug Geld dabei rum?

Ja sicher, sonst würde es uns alle nicht mehr geben. Aber wir müssen schon kämpfen. Unsere Transportwege zum Beispiel sind kurz, weil die Ware aus Österreich kommt. Es muss nicht immer Südostasien sein. Die Modebranche ist eine hart umkämpfte Branche – da wirkt so etwas schnell sozialromantisch, aber vielleicht ist es genau das, was die Welt jetzt braucht. Wie die Modebranche gewirtschaftet hat, das ist ja teilweise unmenschlich. So geht es jedenfalls nicht weiter.

Was machen Sie anders?

Es geht uns um zeitlose Mode, nicht um „Fast Fashion“, bei der man zwölf Kollektionen im Jahr rausbringen muss. Wir bauen das Schritt für Schritt auf. Wir werden uns keine Ware ins Lager holen, die wir am Ende entsorgen müssen, wie es teilweise bei den großen Marken vorkommt. Man soll unsere Stücke so kombinieren können, dass sie im Trend bleiben, obwohl sie zeitlos sind.

Eine Damenbluse kostet in Ihrem Shop 129 Euro. Man bekommt Blusen woanders für die Hälfte.

Richtig, aber dann haben Sie keine Bluse aus Biobaumwolle, die in Österreich genäht worden ist. Ich zahle schon im Einkauf andere Preise. Es darf aber nicht allein um den Preis gehen. Ein Textil kostet immer 100 Prozent – Herstellung, Umweltbelastung, Sozialabgaben. Wenn ich die Bluse für 50 Prozent kaufe, sind die anderen 50 Prozent nicht weg. Irgendwer bleibt auf diesen Kosten sitzen, und wenn es am Ende das Mikroplastik ist, das ins Meer geht.

Sie nehmen an Diskussionen über nachhaltige Mode teil. Was versprechen Sie sich davon? Wenn man die großen Modeketten sieht, folgen die Kunden dort anderen Prinzipien.

Das würde ich so nicht unterschreiben. Es geht um das Bewusstsein in der Kaufentscheidung. Alle möchten faire und nachhaltige Produkte, und wir sind uns auch alle bewusst, wie die Produktionsbedingungen in der Mode tatsächlich sind. Es fehlt nur, dass dieses Bewusstsein auch eingeschaltet wird, wenn man mit einem T-Shirt für fünf Euro an der Kasse steht. Man denkt, man kann mit einem T-Shirt für fünf Euro nichts falsch machen. Man hat aber alles falsch gemacht, wenn man es kauft, alles.

Viele kaufen gern ein, es macht ihnen Spaß.

Bei so einem Kauf sollte man aber einen Schritt zurückgehen hinter das Konsumbedürfnis. Konsum wird man nicht abschalten können, das ist ein menschliches Bedürfnis. Bei einem T-Shirt für fünf Euro sollte man sich aber fragen, wo das Bedürfnis herkommt, es kaufen zu wollen. Je bewusster man das macht und je mehr darüber gesprochen wird – desto eher kommt das in den Köpfen an.

Bei einer Bluse für 129 Euro könnte man sagen, dass man sich ein gutes Gewissen leisten können muss.

Ja, das stimmt schon. Aber es geht auch darum, dass man sich nicht zehn Blusen für je 20 Euro kauft, sondern vielleicht nur zwei für einen höheren Einzelpreis. Wir stellen Business-Mode her, die ziehen Menschen an, die in entsprechenden Jobs arbeiten. Es gibt aber auch günstigere nachhaltige Mode. Man könnte auch in Indien fair produzieren, aber wir haben mit der Produktion in Österreich höhere Ansprüche, das spiegelt sich dann auch im Preis wider.

Was kann jemand für Nachhaltigkeit tun, ohne viel Geld auszugeben?

In den Laden gehen und nachfragen: Wo wird das hergestellt, wie wird das hergestellt, wie werden die Mitarbeiter bezahlt? So kriegen die Händler und Verkäufer mit, dass ein Bewusstsein da ist. Darauf müssen sie irgendwann reagieren. Transparenz einzufordern steht Kunden zu und kostet nichts.

Mode-Bewusst – Kleidung und Nachhaltigkeit, Hofgeismar, 8. bis 10. November. Info und Anmeldung: akademie-hofgeismar.de.

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