EU-Bürger wartet auf seine Familie

Warten auf das Visum: Verzweiflung weicht der Hoffnung

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Sie wollen nach Deutschland und endlich ihren Ehemann und Vater wiedersehen: Hala Hegazi mit ihren Kindern (von links) Aya (10), Islam (12), Eman (16), Ginar (4) Akram (18) und Alaa (8). 

"Er kann schon nicht mehr schlafen, so groß ist seine Freude", sagt Sami Hegazis Mutter darüber, dass der Botschaftstermin seiner Familie Ende des Monats stattfinden soll.

Ebenso wie Sami Hegazi war auch seine Mutter, Ana Maria Tonigold, in den vergangenen Monaten oftmals der Verzweiflung nah. Der endlose E-Mail-Verkehr, den die Hümmerin mit dem Auswärtigen Amt in Berlin, der Deutschen Botschaft in Kairo und der Ausländerbehörde in Kassel führte, brachten die Familie dem Wiedersehen keinen Schritt näher.

Als dann auch die im neuen Jahr fortgesetzte Korrespondenz mit den Ämtern keinen Fortschritt bei der Visumbeantragung brachte, schien alle Hoffnung aufgebraucht. „Sami trug sich zuletzt sogar mit dem Gedanken hier wieder alles aufzugeben und zurückzugehen“, sagt seine Mutter. Aber wohin? Nach Ägypten, dort wo seine Familie wartet und auch nur geduldet ist? Zurück ins zerstörte Gaza mit seiner katastrophalen Versorgungslage? Oder vielleicht doch nach Portugal, in das Land dessen Staatbürgerschaft er seit 2016 besitzt?

Arbeit in Metallgießerei

Die Alternativen, die sich dem in Deutschland geborenen Mann eines palästinensischen Vaters bieten, zeichnen sich allesamt nicht durch gute Aussichten aus. „Er hat sich dann doch entschieden, hier zu bleiben und weiter zu warten“, sagt seine Mutter. Weiter warten im beschaulichen Eberschütz. Dort, wo er ein eigenes Haus bewohnt und wo er auch einen inzwischen unbefristeteten Arbeitsplatz in einer Metallgießerei hat.

Die Gedanken an seine Familie begleiten Sami Hegazi ständig. Wie sie da in der 20-Millionen-Einwohner-Moloch Kairo in einer engen überteuerten Wohnung zu Siebt ebenfalls warten. Warten auf die Visa, die ein Leben in Freiheit und Sicherheit und vor allem Bildung für die Kinder gewährleisten würden. Hier hat der Vater und Ehemann Sami alles vorbereitet, um seiner Familie den Neustart zu ermöglichen. Wenn sie doch nur endlich da wären und er alle in die Arme schließen könnte.

"Dem Staat nicht auf der Tasche liegen"

Ana Toniogold will etwaige Zweifel bei den Behörden an der Bereitschaft der Hegazis, sich hier zu integrieren, gar nicht erst aufkommen lassen. Deshalb hat sie gegenüber der Ausländerbehörde eine Verpflichtungserklärung und eine Bürgschaft für Schwiegertochter und Enkelkinder abgegeben. Bei der Kasse des Ausländeramtes hat sie 31 500 Euro hinterlegt. Die Summe berechnet sich nach einem Tagessatz von 50 Euro pro Person für drei Monate. „Die Familie will dem Staat auf keinen Fall auf der Tasche liegen“, sagt Tonigold.

 Jetzt aber kommt es erst mal darauf an, dass die Deutsche Botschaft die Visa am 31. Januar auch tatsächlich ausstellt und Hala mit ihren Kindern Ägypten verlassen kann. Sobald die Familie dann in Deutschland gelandet ist, genießen sie Freizügigkeit, teilt Ausländeramtschef Norbert Strauch mit. Und alle weiteren Formalitäten laufen dann nach deutschem und EU-Recht. Hohe Backschisch-Zahlungen, wie sie in Gaza und Kairo auch von verzweifelten Menschen gefordert werden, müssen die Hegazis dann nicht mehr leisten.

Bei Sami Hegazi sind seit der Terminzusage der Botschaft Trauer und Verzweifellung neuer Hoffnung gewichen. „Er kann schon nicht mehr schlafen“, sagt seine Mutter, „so groß ist seine Freude.“ 

In Gaza ohne Perspektive

Sami Hegazi wurde 1979 in Köln geboren. Seine Mutter Ana Maria war als achtjährige mit ihrer Mutter und einem Bruder nach Köln gekommen. Mit 18 heiratete Ana einen Palästinenser. Aus der Ehe stammen Sami und seine zwei Jahre ältere Schwester Ginar. 1982 entführte der Vater die beiden Kinder nach Gaza. Die Mutter hatte in den folgenden Jahren nur ein- bis zweimal im Jahr Gelegenheit, ihre Kinder in Gaza zu besuchen.

 Als verheiratete Erwachsene konnten Sami und Ginar dann auch ihre inzwischen in Hümme wiederverheiratete Mutter besuchen. 2016 erlangten Sami und seine Schwester auf Antrag im Düsseldorfer Konsulat die portugiesische Staatsbürgerschaft. Seitdem sind sie EU-Bürger, die Freizügigkeit genießen. Aufgrund der katastrophalen Lebensverhältnisse in Gaza entschlossen sich Sami und seine Familie 2017, nach Deutschland auszuwandern. Ana Tonigold finanzierte Sami den Hauskauf und vermittelte ihm einen Arbeitsplatz in Deutschland.

Während Sami als EU-Bürger einreisen konnte, ist das seiner palästinensischen Familie nur per Visa möglich. Weil von Gaza aus Arabern der Weg nach Israel versperrt ist, können sie nur über geheime Tunnel oder per Einreisevisum nach Ägypten gelangen. Das aber lässt sich die in Gaza regierende Hamas teuer bezahlen. Dennoch würden sich in den Auffanglagern in Gaza Ausreisewillige zu Tausenden drängen, sagt Sami. Ana Tonigold hofft, dass auch ihre Tochter Ginar sich mit Mann und fünf Kindern bald entscheidet auszureisen. Denn das Leben in Gaza sei von absoluter Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit geprägt.

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