Düngeverordnung gilt seit Juni 2017

"Keine rechtliche Handhabe": Anwohner müssen mit Güllegestank leben

Sorgt immer wieder für Ärger: Sobald Bauern Gülle auf ihre Felder fahren, regen sich Anwohner über den Geruch auf. Vor allem, wenn Wohnhäuser nah an Äckern liegen. Unser Bild aus dem Schwalm-Eder-Kreis zeigt einen Landwirt beim Düngen mit einem Breitverteiler. Bei diesem Verfahren muss die Gülle innerhalb von vier Stunden in den Boden eingearbeitet werden. Foto: Sylke Grede

Hofgeismar. Auf den Feldern im Landkreis Kassel wird derzeit wieder Gülle ausgebracht. Das hat zu Beschwerden von Anwohnern geführt. Die seit 2017 geltende neue Düngeverordnung regelt nicht, wie groß der Abstand zwischen Wohnhäusern und Äckern sein muss. Dirk Wiegartz vom Fachdienst Agrarförderung des Landkreises sagt dazu: „Wir weisen Landwirte darauf hin, äußerst sensibel mit organischem Dünger umzugehen. Aber eine rechtliche Handhabe haben wir nicht.“

Stefan Strube, Sprecher des Regionalbauernverbandes Kurhessen, sagt: „Wir werben bei Anwohnern um Verständnis.“ Die Düngung mit Gülle diene schließlich der Produktion von Lebensmitteln. Davon profitierten alle. Zudem müssten Landwirte ständig dokumentieren, was sie in welcher Menge auf ihr Land aufbringen. Das werde von den Behörden kontrolliert, ergänzte Strube. 

So darf ein Landwirt bis zu 170 Kilo Stickstoff pro Jahr und Hektar Land aufbringen. Von Vorteil sei, wenn Landwirte Biogasanlagen hätten. Dann würde die Gülle nicht mehr so stark riechen. Außerdem seien die Nährstoffe für die Pflanzen dann auch besser verfügbar. Zur Vorbereitung der Aussaat gebe es zudem Einarbeitungsfristen. Möglichst innerhalb von vier Stunden nach Aufbringung des Düngers solle dieser in den Boden eingearbeitet sein, sagte der Strube. 

Nach der neuen Düngeverordnung, die seit Juni 2017 gilt, dürfen Landwirte vom 1. Oktober bis 31. Januar keine Gülle mehr auf ihrem Ackerland ausbringen. Früher war dies auch im Oktober noch möglich. Auf Grünland gilt die aktuelle Sperrzeit vom 1. November bis 31. Januar (bisher bis 15. November). Für Festmist gab es bislang keine Sperrzeiten. Nun gilt für die Ausbringung von Festmist, Kompost und Gärrückständen eine Sperrzeit vom 15. November bis 31. Januar.

„Problem ist nicht akut“

Der Frühling bringt so einiges mit sich: die ersten Sonnenstrahlen, frisches Grün, Pollen. Aber für manche auch reichlich Ärger. Vor allem, wenn im Frühling Äcker mit Gülle gedüngt werden, gibt es immer wieder Beschwerden von Anwohnern. Aber was darf ein Landwirt und was nicht?

Möchte eine Lösung: Anwohner Heinrich Berge.

Heinrich Berge lebt am Ortsrand von Fuldatal-Wilhelmshausen. Keine fünf Meter von seinem Haus entfernt beginnt der Acker des Nachbargrundstücks, auf dem seit Anfang April wieder Gülle aufgebracht wird. „Das Fenster im Schlafzimmer kann ich dann nachts gar nicht mehr aufmachen“, sagt Berge. Der Gestank ist für den Rentner unerträglich. „Es muss doch ein Gesetz geben, wie viele Meter von einem Wohnhaus entfernt Gülle aufgebracht werden darf“, sagt Berge.

Doch ein derartiges Gesetz gibt es nicht. Die neue Düngeverordnung, die seit Juni 2017 gilt, schränkt ausschließlich ein, wann und wie viel Gülle von den Landwirten auf ihrem Ackerland ausgebracht werden darf.

Stefan Lind, Chef des Lindenhofs im Immenhäuser Stadtteil Holzhausen, gehört der Acker, der an Berges Wilhelmshäuser Grundstück angrenzt. „Das Gülle-Problem ist gar nicht akut“, sagt Lind. Denn in der Regel würde nur ein Mal im Jahr – maximal zwei Mal – Gülle auf die Felder aufgebracht. „Die Gülle wird dann auch direkt in den Boden eingearbeitet.“

Zudem arbeitet der 32-Jährige mit einem Schleppschuhverteiler. „Das ist die bodennächste Ausbringungsmöglichkeit.“ Das koste zwar einen Haufen Geld, „aber wir versuchen alles, um Geruch zu dezimieren.“

Trotzdem: Immer wieder gibt es von Anwohnern Beschwerden über Geruch, nachdem Gülle auf die Felder ausgebracht wird. „Nachfragen haben wir aus allen Ortsteilen“, sagt Heike Möller, Leiterin des Ordnungsamts in Fuldatal. Das läge auch daran, dass Fuldatal noch eine sehr dörfliche Struktur und größere Landwirtschaft habe. „Beschwerden gibt es aber nur sehr vereinzelt.“

Solange die Landwirte nicht gegen die Sperrfrist verstoßen würden, gäbe es auch keinen Grund für die Gemeinde zu handeln. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, zu beraten und den Bürgern zu erklären, was der Landwirt darf und was nicht“, sagt Möller.

Geruch gehöre auf dem Land eben dazu, sagt auch Fuldatals Bürgermeister Karsten Schreiber. „Bei Wiesen, Feldern und Äckern stinkt und staubt es auch mal.“

Am Tag der Düngung müsse man die Fenster geschlossen halten, sagt auch Heike Möller. „Das geht nun mal nicht anders.“

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