Für klimagerechte Landwirtschaft

400 Kilometer im Trecker: Bauern aus Nordhessen reisen für Klima-Demo nach Berlin

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Mit Transparent und Fahne: Die Frankenhäuserin Dana Preiß-Tamm (Mitte) ist mit Kollegen, darunter Albert Kurzenknabe aus Sielen (rechts), heute früh von der Domäne per Schlepper in Richtung Berlin gestartet. Dort wollen die nord- und mittelhessischen Bauern für eine gerechtere Agrarpolitik demonstrieren.

Kreis Kassel. Zum Auftakt der weltgrößten Agrarmesse Grüne Woche reisten rund 30 Landwirte aus Nord- und Mittelhessen nach Berlin. Und das auf dem Schleppersitz.

Start im Morgengrauen, Ankunft bei tiefer Dunkelheit: 15 Stunden Fahrt nur über Landstraßen nehmen rund 30 Landwirte aus Nord- und Mittelhessen auf sich, die heute früh im Konvoi von der Domäne Frankenhausen gen Berlin gestartet sind.

Mit voraussichtlich 20- bis 30.000 Menschen, so viele waren es regelmäßig in den Vorjahren, wollen sie am Samstag zum Auftakt der weltgrößten Agrarmesse Grüne Woche unter dem Motto „Wir haben es satt!“ für eine zukunftsfähige EU-Agrarreform und eine klimagerechtere Landwirtschaft demonstrieren.

400 Kilometer auf dem Schleppersitz – das ist kein Kinderspiel, wissen die Bauern. Auf den Weg gemacht haben sie sich trotzdem, weil sie bei der Verteilung der EU-Subventionen von 60 Milliarden Euro die Begünstigung von Riesenbetrieben nicht hinnehmen wollen, sagt etwa Albert Kurzenknabe. Der 64-jährige Biolandwirt aus Sielen will eine stärkere Förderung von Kleinbetrieben: „Lebendige Dorfstrukturen und natürliche Lebensräume müssen erhalten bleiben“. Vor zwei Jahren protestierte Kurzenknabe mit gleicher Ambition schon einmal bei „Wir haben es satt!“, allerdings unmotorisiert. Heute früh ist er selber auf den Trecker geklettert, um wieder dabei zu sein.

Der Sieler versteht sich auch als bäuerlicher Botschafter seiner Heimat, hier speziell der Öko-Landbau-Modellregion Nordhessen, die den Trecker-Treff in Frankenhausen für die Mission Berlin-Demo maßgeblich unterstützt hat.

Frankenhäuserin lebt auf Staatsdomäne

Organisiert wurde das Vorhaben von Silke Flörke, Koordinatorin der Modellregion, und der Frankenhäuserin Dana Preiß-Tamm. Die 46-Jährige lebt seit 18 Jahren auf der Staatsdomäne, dem Lehr- und Versuchsbetrieb der Uni Kassel. Zwar hat die gelernte Landwirtin bei der jährlichen Protestveranstaltung zur Grünen Woche in Berlin schon mehrfach mit demonstriert, noch nie aber auf „eigenem“ Traktor mit Anfahrt direkt von Frankenhausen.

Weil aus Versicherungsgründen kein Schlepper aus dem Domänen-Fahrzeugpark zur Verfügung stand, bekam sie zu Weihnachten von ihrem Mann ein besonderes Geschenk „im Gegenwert eines Skiurlaubs“, wie sie mit einem verschmitzten Lächeln verrät: Bei einem Grebensteiner Landmaschinenhändler wurde für sie eigens ein topmoderner Ackerbolide angemietet.

Dana Preiß-Tamm, aktiv in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, stammt aus Kelze. Als sie sich vor 25 Jahren beruflich für die Landwirtschaft entschied, gab es in ihrem Heimatort noch ein halbes Dutzend Vollerwerbsbetriebe, auch mit Milchvieh.

Heute, keine drei Generationen später, gebe es in Kelze keine einzige Milchkuh mehr, beklagt die Mittvierzigerin. Erschreckend nennt sie zu sehen, „wie die dörflichen Strukturen dermaßen zerfallen“. Der Protest in Berlin gegen das Höfesterben ist ihr allen Aufwand wert.

Autobahnen für Schlepperkonvoi tabu

Fahrzeuge, die auf einer Autobahn unterwegs sind, müssen mindestens 60 Kilometer pro Stunde schnell fahren können. Für den Schlepperkonvoi von Frankenhausen nach Berlin sind Autobahnen deshalb tabu. Über Landstraßen steuern die hessischen Bauern der Bundeshauptstadt entgegen. 

Die 400-Kilometer-Route führt quer durchs Land: Von Frankenhausen geht es nach Hann. Münden und Witzenhausen, weiter nach Heiligenstadt und Nordhausen bis zur Lutherstadt Wittenberg. Dann geht es über die Bundesstraße 2 bis nach Potsdam und schließlich in den Norden von Berlin, wo die Teilnehmer auf dem Hofgut Blankenfelde übernachten werden. Die Schlepper starten von dort am Samstag, 19. Januar, zur Großkundgebung am Brandenburger Tor, die um 12 Uhr beginnt.

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