200 Jahre altes Landgasthaus

Gasthauschef arbeitet bis zum letzten Tag

Noch vier Monate geöffnet: Gastwirt Erhard Reitz wird sein beliebtes Landgasthaus in Schöneberg schweren Herzens zum Jahresende schließen und Schöneberg verlassen, was viele Gäste bedauern. In dem Gebäude soll ein Tagungshotel entstehen. Fotos: Thiele

Schöneberg/Hümme. Das seit 200 Jahren bestehende, seit 100 Jahren von der Familie betriebene Landgasthaus Reitz in Schöneberg hat neue Eigentümer.

Gastwirt Erhard Reitz wird jedoch den Betrieb uneingeschränkt bis zum Jahresende weiterführen und auch seine monatlichen Fischbuffetts nochmal anbieten. Er tritt damit Gerüchten entgegen, dass Gasthaus und Hotel schon geschlossen seien. „Das Personal steht voll zu mir, sie wollen bis zum letzten Tag arbeiten“, sagt er.

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Der Verkauf ging selbst für ihn überraschend schnell über die Bühne. Eigentlich wollte er erst im Herbst 2016 den Betrieb abgeben, doch die schwierige Marktsituation ließ ihn sofort zugreifen, als ein Kasseler Ehepaar sich auf die Verkaufsanzeige meldete und sich für das 1739 erbaute Hugenottenhaus mit seiner markanten Architektur entschied, das verkehrsgünstig direkt an der B 83 in Schöneberg steht. Die neuen Inhaber wollen aus der Gaststätte im nächsten Jahr ein Event-Tagungshotel machen, das zwar einen Gastronomiebereich hat, der aber nicht mehr öffentlich ist.

Viele Stammgäste, sogar aus Holzminden und Fritzlar, sind traurig und bedauern die Schließung, sagt Reitz. Seine beiden Töchter wohnen in München und wollen dort bleiben, Nachfolger aus der Familie gibt es nicht. Er ist jetzt 64 Jahre alt und die berufliche Belastung und die Gesundheit legen ihm das Aufhören nahe. Auch Freunde sagten: „Denk mal an dich“. 41 Jahre hat er jetzt am Herd gestanden und zum Beispiel französische Küche in die Region geholt. „Irgendwann muss man einen Strich ziehen“, sagt Reitz, der dann von Schöneberg nach München ziehen wird.

Sein Schwager Willi Busch, Betreiber des Gasthauses Zum Löwen in Hümme, steht vor derselben Entscheidung. Er wird demnächst 64 Jahre alt und sein Sohn ist Küchenchef in einem Hotel am Genfer See und will dort bleiben. Schon seit 2013 hat Busch sein gut eingeführtes Haus zum Verkauf angeboten, doch bisher ohne Erfolg. Es gab einen jungen Interessenten, doch der bekam von der Bank kein Geld. Die Schließung sei noch nicht akut, doch in den nächsten zwei drei Jahren werde er sich Gedanken über die Rente machen müssen, sagt Busch. Er gibt der Vereinsgastronomie die Schuld am Niedergang der Dorfgaststätten beispielsweise in Sielen, Eberschütz und Lamerden. Gefragt seien heute Schnellgastronomie und Partyservice oder junge Leute mit neuen Ideen.

Neues Hotelprojekt

Für Schöneberg deutet sich immerhin eine Lösung an. In seinem demnächst freiwerdenden Wohnhaus seines Bauernhofes will Landwirt Helmut Grandjot eine Frühstückspension mit vier Hotelzimmern, Veranstaltungsraum für die Schöneberger Vereine sowie einer Wohnung für die Bewirtschaftung einrichten. Eine Kooperation mit der benachbarten Vinothek Pfundt sei geplant. Erste Vorgespräche mit Behörden seien vielversprechend, sagte er, es soll auch eine Dorfversammlung dazu geben.

Noch 20 Jahre Zeit

Als Gerücht bezeichneten Uwe und Torsten Humburg gegenüber der HNA Äußerungen, sie hätten Zweifel Nachfolger für ihr Hotel Zum Alten Brauhaus in Hofgeismar zu finden. Einer der Söhne mache gerade eine Ausbildung im Restaurantgewerbe und bis sich die Frage stelle, seien auch noch 15 bis 20 Jahre Zeit. Der Familienbetrieb wurde erst 2012 komplett renoviert, gerade wird der Pkw-Stellplatz erweitert.

Viktor Seider baut

Gastronom Viktor Seider wird voraussichtlich im nächsten Jahr neben seiner Ess-Bar an der Industriestraße in Hofgeismar ein Hotel mit 70 Betten bauen. Die nötige Änderung des Bebauungsplanes ist beschlossen, die Planungen laufen gerade, sagte er gestern im Gespräch mit unserer Zeitung: "Wenn der Finanzplan steht, geht es los."

Vom aktuellen Wegfall der Betten auf der Sababurg und in Schöneberg werden die Pläne nicht beeinflusst. Seider: "Besser weniger Betten und dafür immer ausgebucht".

Gut besucht war in diesem Jahr auch der Biergarten beim Hotel Hans im Glück in Hofgeismar, wo zudem vorübergehend eine angemietete Holz-Alm stand, die für Atmosphäre sorgte und sehr gut ankam. Nach einem Brand im Restaurant vor fast zwei Jahren läuft der Hotelbetrieb mit Frühstück zwar weiter, vor allem mit Stammgästen, doch Inhaber Hans-Adolf Müller hat nach ersten Renovierungsarbeiten Zweifel, ob er diesen Teil wieder eröffnen kann. Denn er ist Alleinkämpfer und seine Kinder haben sich beruflich anders orientiert. Zudem habe die Versicherung nur den Zeitwert bezahlt. In Kürze will er über dem Biergarten ein Zelt aufstellen. (tty)

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