Die Not ein wenig lindern

Letzter Tag des Hilfstransports in Rumänien: Besuch im Slum von Mediasch

+
Ausgabe der Spenden in Mediasch: Günter Rüddenklau (vierter von links) begleitete die Helfer in der Stadt in Siebenbürgen.

Sind es 1000, sind es 2000 oder sogar 3000 Menschen? In Mediasch in Siebenbürgen weiß niemand so genau, wie viel Bewohner in dem Elendsquartier am Rande des Vorortes leben.

„Viele Bewohner hier sind gar nicht registriert, haben keinen Ausweis“, sagt Ghita Serban. Der Großgrundbesitzer stellt in der Ernte manchen der Männer als Tagelöhner ein. Am letzten Tag ihrer Hilfstour durch Rumänien besuchten Günter Rüddenklau und Ottmar Rudert am Mittwoch den Slum von Mediasch.

Zwei Tage zuvor waren von einem 40-Tonnen-Sattelzug Hilfsgüter aus Nordhessen in der Halle von Serban abgeladen worden. Sobald die Bekleidung und die Schuhe sortiert worden sind, werden sie in hunderte von Kartons für die Familien aufgeteilt. Um sich einen Eindruck von der prekären Lage der Familien in dem Viertel zu machen, suchte Serban mit den beiden Organisatoren der Südosteuropahilfe einige Familien auf.

Leben auf engstem Raum

Es waren drastische Verhältnisse, mit denen Serban die Deutschen konfrontierte. So leben in dem Slum fast alle in großen Familienverbänden auf engstem Raum zusammen. Gekocht wird, wo geschlafen wird, und geschlafen wird, wo gegessen, gewaschen und ein paar Habseligkeiten aufbewahrt werden. In manchen Hütten wohnen bis zu 15 Personen und drei Generationen unter einem Dach. 

Mädchen werden nicht selten mit zwölf oder dreizehn Jahren das erste Mal schwanger und im selben Zeitraum trägt die drei mal so alte Mutter möglicherweise ihr zehntes Kind aus. Einige Männer sind als Tagelöhner außer Haus, viele lungern einfach nur herum. Sie gehen erst dann wieder arbeiten oder verkaufen Reiserbesen, wenn die 100 Euro monatliche Sozialhilfe für die Familie aufgebraucht sind.

Unfassbare Zustände

Einen besonders dramatischen Fall sahen die Deutschen am Rande der Siedlung: Der Vater war tot und die Mutter von elf Kindern vor wenigen Wochen gestorben. Seitdem war es an dem 17-jährigen Sohn und der alten, blinden Tante, für die jüngeren Geschwister zu sorgen, das jüngste noch kein Jahr alt. „Wer so etwas noch nicht gesehen hat, mag es nicht glauben“, sagt Günter Rüddenklau. „Dass solche Zustände in der reichen EU herrschen, ist eigentlich unfassbar“, meint Ottmar Rudert. 

Er überreichte dem 17-Jährigen einen Geldschein, damit er ein paar Lebensmittel für seine Geschwister in der Stadt holen kann. „Wir hoffen, dass das Geld nicht für Alkohol und Zigaretten draufgeht“, sagt Rudert. Ghita Serdans Tochter Adela versprach, sich verstärkt um die elternlose Großfamilie zu kümmern.

Bildung als Weg aus dem Elend

Am frühen Nachmittag kamen einige Kinder in ihr Viertel zurück. Sie fielen auf, weil sie auffällig sauberer gekleidet waren als all die anderen. Sie kamen aus der Schule. „In solchen Momenten wird klar, dass es nur einen Weg aus dem Elend gibt“, sagt Adela, „es ist die Bildung.“

Doch leider sei es so, dass längst nicht alle auf diesem Weg mitgenommen werden. „Da versagen der Staat, die Kommune und auch Europa“, meint Ottmar Rudert. Gerade deshalb will er mit seinem Freund Günter die Hilfe für Südosteuropa mit den Spenden aus Nordhessen fortsetzen. Um wenigstens an einigen Hotspots der Armut die Not ein wenig zu lindern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.