Patienten sind nicht alle mobil

Ärztin aus Liebenau machte zu viele Hausbesuche - Jetzt muss sie dafür zahlen

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Ärztin auf dem Land: Sibylle Mittnacht weiß, wie schwer es für manche Patienten ist, in ihre Praxis zu kommen. Das Bild zeigt sie mit Patient Karl-Heinz Kampe (82).

Liebenau. Sibylle Mittnacht ist Ärztin auf dem Land. Sie führt eine Praxis in Liebenau und liebt ihre Arbeit. Ihre Hausbesuche kommen sie nun teuer zu stehen.

Weil sie weiß, wie schwer es für ältere und körperlich eingeschränkte Patienten auf dem Land sein kann, die Wege zum Arzt zurückzulegen, behandelt sie Kranke auch zuhause. Sie kontrolliert Blutzucker und Blutdruck und hört sich Sorgen und Probleme an. Die Patienten schätzen das. Doch diese Leistungen sorgen jetzt für Ärger.

„Weil ich in den vergangenen Jahren etwa viermal so viele Hausbesuche gemacht habe, wie der Durchschnitt meiner Kollegen, muss ich Regress, also Strafe zahlen“, erklärt Sibylle Mittnacht. Außerdem: Auch bei sogenannten psychosomatischen Gesprächen war der Prüfungsstelle aufgefallen, dass Sibylle Mittnacht weit über dem Durchschnitt liegt. Bei diesen Gesprächen geht es vor allem um die seelischen und sozialen Faktoren der Patienten.

Ärztin rechnet mit 100.000 Euro 

Die Ärztin rechnet mit 100.000 Euro, die sie für die Jahre 2012 bis 2016 zahlen muss. „Diese Summe kann ich nur bezahlen, weil ich in der Vergangenheit genug Rücklagen geschaffen habe. Das Geld war eigentlich für den Notfall und meine drei Kinder gedacht.“

Die im Verhältnis übermäßigen Hausbesuche mache sie auch, weil die Patienten es von ihrem Vater, der die Praxis vor ihr führte, so gewohnt seien. „Wir haben unsere Patienten in dieser Hinsicht verzogen“, sagt Mittnacht. Denn sie behandelte auch Menschen, die mobil seien und deshalb theoretisch in die Praxis kommen könnten. Viele seien aber trotzdem auf Hilfe angewiesen, müssten ein Taxi bestellen oder ihre Verwandten in die Pflicht nehmen. „Das tut mir dann oft leid - und ich fahre zu den Patienten hin.“

Dass sie die Summe zahlen muss, sieht Mittnacht ein: „Es ist meine eigene Schuld, Nettigkeiten zahlen die Krankenkassen eben nicht.“ Was Mittnacht aber gegen den Strich geht, ist die Tatsache, dass sie erst seit Anfang 2015 von der Prüfungsstelle auf ihre Fehler aufmerksam gemacht worden ist. „Ich verstehe nicht, warum die mich all die Jahre so weitermachen lassen und dann auf einmal die große Rechnung kommt“, kritisiert die Liebenauerin. Sie frage sich, warum die Zahlen nicht nach jedem Quartal überprüft würden, damit Prüfstelle sowie betroffene Ärzte zeitnah handeln können. Bei Medikamenten falle es zum Beispiel sofort auf, wenn zuviel verschrieben werde.

Hindernis: Vor allem ältere Patienten haben oft Schwierigkeiten, die Treppe zu Sibylle Mittnachts Praxis zu überwinden.

„Ich finde, wir Ärzte sollten in dieser Hinsicht besser aufgeklärt werden“, sagt Mittnacht. „Ich habe Medizin studiert, nicht Wirtschaft und kann das deshalb nicht alles wissen.“ Sie wünscht sich, dass auch die Patienten stärker informiert würden. „Sie sollten von den Krankenkassen erfahren, dass Hausbesuche keine Leistungen sind, die bezahlt werden, außer der Patient hat eine Immobilitätsdiagnose erhalten.“

Die Anzahl der Hausbesuche hat Sibylle Mittnacht nun stark reduziert. Um die Zahlung der etwa 100.000 Euro wird sie aber nach eigener Aussage nicht herum kommen.

Das sagt die Kassenärztliche Vereinigung:

„Es geht nicht um 100.000 Euro und es geht auch nicht um eine Strafe, sondern um Honorar, das die Ärztin bekommen hat, ohne dass es ihr zustand“, sagt Karl M. Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. „Die jetzt festgelegte Kürzung beträgt noch weniger als die Hälfte der jetzt in Rede stehenden 100.000 Euro, wobei dies selbstverständlich noch immer sehr viel Geld ist.“ 

Zum Vorwurf, dass die Prüfungsstelle früher hätte Alarm schlagen müssen, sagt Roth: „Die Ärztin wurde über die Prüfungen in den Jahren 2013 und 2014 am 19. Februar 2016 informiert.“ Darüber hinaus hätte sie auch für das Jahr 2012 einen Kürzungsbescheid (vom 25. Februar 2015) erhalten. Ebenfalls hätte Sibylle Mittnacht bereits für die Jahre 2009 und 2010 eine Information erhalten, dass sie bei den Besuchen über dem Durchschnitt der Fachgruppe liege. „Der Ärztin waren die Überschreitungen somit schon sehr lange bekannt und eine Veränderung des Verhaltens denkbar gewesen.“

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