Wohnprojekt in Liebenauer Stadtteil geplant

Zimmermann will Bullerbü nach Ersen holen

Zimmermann Richard Betz will ein Wohnprojekt rund um seinen Betrieb in Ersen schaffen. Das Projekt setzt er mit seiner Mieterin Sigrid Dressel um.
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Zimmermann Richard Betz will ein Wohnprojekt rund um seinen Betrieb in Ersen schaffen. Das Projekt setzt er mit seiner Mieterin Sigrid Dressel um.

Als Kind faszinierten Richard Betz die Geschichten von Astrid Lindgren über Büllerbü. Die Erlebnisse der Familien auf den drei schwedischen Bauernhöfen begleiten ihn bis heute.

Ersen - Ein Stück Bullerbü möchte der Zimmermann in seinen Heimatort, nach Ersen, holen. Bullerbü: Das steht für Betz für eine Wohnform, in der verschiedene Familien selbstständig und doch gemeinsam leben.

Die Keimzelle von Betz´ Bullerbü ist das alte Pfarr- und Schulhaus, das er im Jahr 2000 gekauft und saniert hatte. Darin wohnt er selbst und darin war auch bis vor einiger Zeit seine Werkstatt. Die Maschinen sind umgezogen in die benachbarte Scheune, die der Handwerker dazu gekauft hat. In der anderen Haushälfte wohnt Mieterin Sigrid Dressel. Gemeinsam mit ihr will der 64-Jährige das Projekt umsetzen.

Wo bis vor Kurzem noch gearbeitet wurde, ist eine moderne, lichtdurchflutete Wohnung entstanden. Dort sollen die ersten neuen Bewohner des Wohnprojekts einziehen. Oberhalb des alten Pfarrhauses steht an der Ortsdurchfahrt eine denkmalgeschützte Scheune. Dort hat Betz seine Werkstatt eingerichtet. In den Räumen im Obergeschoss entstehen im Winter weitere Wohnungen.

Man traut mir Verrücktheiten zu.

Richard Betz über sein Projekt Bullerbü

Räume, in denen er selbst gern wohnen würde, will Betz bauen. Und das weitgehend in Eigenleistung. Sieben Wohnungen in verschiedenen Größen sehen die Planungen bisher vor. Eingerechnet sind seine eigene und die von Sigrid Dressel nebenan, wo ehemals der Pfarrer residierte. Die siebte Wohnung kann sich Betz in einem selbst gebauten Tiny-House im Streuobstgarten neben der Werkstatt vorstellen.

Jede Miet-Partei wohnt für sich

„Ein soziales Miteinander in absoluter Freiwilligkeit“ schwebt Dressel und Betz vor: Jede Partei wohnt für sich. Und wenn man Lust hat, trifft man sich, erzählt, kocht oder isst miteinander. Gegenseitige Hilfe sei kein Muss, aber natürlich möglich, sagt der Zimmermann. Beispielsweise, wenn einmal Bewohner nicht mehr so gut allein zurechtkämen. Die Versorgung sieht er nicht als Problem. Denn schon jetzt müsse man zum Einkaufen in die Nachbarorte fahren. Werde ein Mitbewohner pflegebedürftig, komme der Pflegedienst ins Dorf.

Beim Ausbau der Wohnung: Richard Betz will viel mit seinen Mitarbeitern schaffen.

„Ich möchte Menschen um mich haben, die nicht nur reden, sondern auch tun“, sagt Betz. Und er ergänzt: „Ich liebe Menschen, die die Qualitäten des Landlebens schätzen und nicht allein sein wollen.“ Damit umreißt der Handwerker die Kriterien, die die Mitbewohner erfüllen sollten. Wichtig sind ihm und Sigrid Dressel Respekt und Verantwortung, gegenüber den Häusern und den Mitbewohnern. Kinder seien herzlich willkommen. Interessenten waren da, die Wohnung in der ehemaligen Werkstatt ist bereits vermietet.

Sigrid Dressel macht noch eins deutlich: „Das Leben in einem kleinen Dorf, in dem nichts los ist außer Natur, muss man wollen.“ Richard Betz ergänzt das aus seiner Erfahrung in Ersen: „Das Leben ist entschleunigt.“

Und wie stehen die Ersener zu seinem Vorhaben? „Man traut mir Verrücktheiten zu“, antwortet Betz lachend. Er habe eine gewisse Narrenfreiheit, nachdem er das Pfarrhaus vor dem Verfall gerettet habe. Aber die Ersener wüssten auch, dass Betz seine Vorhaben umsetze. Vor Kurzem hat er mit dem Bau von zwei Ferienhäusern an der Diemel in Liebenau begonnen. Er fühle sich wertgeschätzt im Ort, sagt Betz.

Der Zimmermann macht keinen Hehl daraus, dass das Projekt dazu beitragen soll, seinen eigenen Ruhestand zu finanzieren. Die Miete werde für den ländlichen Raum angemessen sein, sagt er. Für ihn ist Bullerbü in Ersen eine Altersvorsorge, die er selbst aufbauen kann. Auf die Arbeit freut sich Betz schon: „Bauen und Erschaffen ist das Spannende. Das ist fast wichtiger, als wenn es fertig ist.“ (Bernd Schünemann)

Glaube, Lehre und Ökonomie waren in dem Haus vereint

In dem Haus, das Richard Betz in Ersen bewohnt – dem Kern des Ersener „Bullerbü“ gewissermaßen – waren „Glaube, Lehre und Ökonomie vereint“, sagt der Zimmermann. Gebaut wurde das Haus 1856 als Pfarrhaus mit Scheune. Der Pfarrer, der damals die Gemeinde übernehmen sollte, habe auf ein neues Pfarrhaus gedrängt, damit er nach Ersen komme, erzählt Betz. Der Pfarrer erhielt das neue Haus, verließ den Ort aber schon nach wenigen Jahren. 1878 zog die Schule ein, berichtet Betz aus der Dorfchronik. Der Lehrer konnte im Schulhaus wohnen. Bis 1956 wurden die Ersener Kinder dort unterrichtet. Später nutzte die Raiffeisenbank die Räume, als Lager für landwirtschaftliche Güter und als kleine Geschäftsstelle. Inzwischen hat auch die Raiffeisenbank Volkmarsen, die dort zuletzt tätig war, den Standort geschlossen.

Im Jahr 2000 kaufte Richard Betz das Anwesen, das teilweise in einem „desaströsen Zustand“ gewesen sei, von der damaligen Raiffeisenbank Oberlistingen. Betz sanierte das Fachwerkhaus, das zu einem Schmuckstück am Ersener Brunnenplatz wurde. Später kaufte er ein Nachbargrundstück mit Scheune hinzu, in der er die Werkstatt für seine Zimmerei einrichtet.

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