Stadtmuseum

Neue Ausstellung in Hofgeismar zeigt Leben von Wandergesellen

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Raritäten: Museumsmitarbeiterin Karin Augart-Bohr hat mithilfe ihres Mannes Bernd Bohr (rechts) und anderer Handwerker (links Ansgar Wenning) Stücke zusammengetragen, die diese ungern aus der Hand geben.

Eine neue Ausstellung im Stadtmuseum Hofgeismar präsentiert erstaunliche Fakten aus dem kaum erforschten Leben von Wandergesellen.

Wandernde Gesellen gibt es heute tatsächlich noch, sie haben feste Regeln für gutes Benehmen und sind nicht zimperlich. Damit der bei fast allen obligatorische Ohrring auch wirklich passt, wird zum Beispiel das Ohrloch bei den Zimmerleuten mit einem handgeschmiedeten, immerhin angeschärften Nagel geschlagen, einschließlich Schnaps zum Desinfizieren.

Solche und weitere erstaunlichen Fakten aus dem kaum erforschten Leben von Wandergesellen werden seit dem Wochenende in einer neuen Ausstellung im Stadtmuseum Hofgeismar präsentiert. Der Bruder und der Ehemann der Museumsmitarbeiterin Karin Augart-Bohr waren als Zimmerleute ebenfalls auf Wanderschaft (auch Walz oder Tippelei) und steuerten Tipps, Ausstellungsstücke und Kontakte bei.

Zunftkleidung darf nur beim Sport und in Gewässern abgelegt werden

Museumsleiter Helmut Burmeister schickte voraus, dass die Schächte, wie die Handwerkerverbindungen genannt werden, Nachfolger der mittelalterlichen Zünfte darstellen, die einst eine große politische Macht hatten. In der neuen Ausstellung im Haus II, die die Dauerausstellung zu Zunft und Wirtschaft ergänzt, können die Besucher erfahren, dass die Handwerker ihre auffällige Zunftkleidung nur beim Sport und in Gewässern ablegen dürfen – die Kluft wiegt trocken bereits zehn Kilogramm und wenn sie nass wird, kann sich das Gewicht verdoppeln und der Geselle ertrinken.

Nicht zimperlich: Den Gesellen wird das Loch für den Ohrring per Nagel auf einem Holzklotz geschlagen.

Die seit Jahrhunderten übliche Wanderschaft der Gesellen folgt überlieferten Regeln. Der Museumsbesucher kann auch erfahren, dass die Gesellen möglichst alles zu Fuß erledigen sollen, aber immerhin als Anhalter mitfahren dürfen. Sie dürfen kein eigenes Mobiltelefon haben. Verabredungen zu monatlichen Treffen der einzelnen Schächte erfolgen per Mail, die die Wanderer in Internetcafés abrufen können.

In Deutschland gibt es 450 wandernde Gesellen

Die Perlmuttknöpfe an der Kleidung sind ein Relikt aus jener Zeit, als das Material noch als Zahlungsmittel anerkannt wurde. Bei Hunger und Geldmangel konnte sich der Geselle einen Knopf abschneiden und gegen ein Brot eintauschen.

Ebenfalls um Geld ging es bei den Ohrringen, die heute noch für jeden Wanderer Pflicht sind. Früher waren sie aus Gold und soviel wert, dass davon das Begräbnis bezahlt werden konnte, falls einer auf der Straße oder bei der Arbeit tödlich verunglückte. Wer klaute oder eine andere Straftat beging, dem wurde der Ohrring herausgerissen – daher kommt der Begriff „Schlitzohr“.

Die Zahl der heute wandernden Gesellen wurde vor Kurzem auf etwa 450 geschätzt, wobei die Zahl insgesamt sinkt, aber der Anteil der wandernden Frauen steigt.

„Viele Leute wissen nicht, dass es die Walz heute noch gibt“, erklärte Karin Augart-Bohr während der Eröffnungsfeier. Man müsse auch keine Angst vor ihnen haben, da sie sich strenge Regeln auferlegen und verpflichten, sich ehrenhaft zu verhalten. „Wenn Sie einen am Straßenrand sehen, dann laden sie ihn ruhig einmal ein oder nehmen ihn ein Stück mit“, riet sie den Zuhörern.

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