Mit Jägern auf dem Hochsitz

Auf der Jagd im Bramwald - eine Reportage

Volle Konzentration: Förster Gunter Mantel hat Geräusche in den Bäumen gehört. Jetzt heißt es abwarten, ob sich ein Wildschwein oder Reh zeigt. Füchse dürfen nicht geschossen werden. Fotos : Ziemann

Oberweser. Plötzlich raschelt es laut im Gebüsch. Förster Gunter Mantel reagiert sofort. Er setzt seinen Gehörschutz auf, entsichert die Jagdwaffe und macht sich bereit zum Schuss.

Minutenlang starren wir in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Doch ein Tier zeigt sich nicht. „Wildschweine können sehr leise sein“, erklärt der Förster. „Vielleicht hat es den Rückzug angetreten.“

Wir befinden uns auf einem Hochsitz im Bramwald im Revier Oedelsheim des Forstamtes Reinhardshagen. Dort können geradeso zwei Personen bequem sitzen. Um uns herum ist nur Wald. Man kann Vogelstimmen hören, Blätter, die von den Bäumen fallen und Wind, der durch die Büsche weht. „Wenn man leise ist und die Sinne scharf sind, merkt man erst, wie laut es im Wald ist“, sagt Mantel.

Seit einer Stunde sind wir jetzt auf dem Jagdsitz und beobachten gespannt die Umgebung, suchen mit den Augen den Wald nach Hinweisen auf Wild ab. Ab und zu hören wir Hunde bellen, die bei der Drückjagd eine wichtige Rolle spielen. „Die Hunde haben die Aufgabe, das Wild laut zu jagen, damit die Tiere die Gefahr kommen hören“ erklärt Mantel. „So flüchtet das Wild ruhig und langsam und nicht panikartig.“ Nur so habe der Schütze eine reelle Chance, einen sauberen Schuss zu schaffen. Die Hunde jagen alle einzeln, nicht als Gruppe. „Wenn zehn Hunde ein Wildschwein hetzen würden, wäre das nicht tierschutzgerecht.“

Wir sind jetzt seit zwei Stunden im Wald, die Jagd dauert insgesamt drei Stunden. 100 Menschen aus der Region, ganz Deutschland, Holland und Schottland sind zur Jagd auf Schwarz- und Rehwild zusammengekommen. „Nach diesen drei Stunden fällt kein Schuss mehr“, hatte Forstamtsleiter Dr. Norbert Teuwsen am Morgen bei der Einweisung gesagt. Denn: Sicherheit geht immer vor. Deshalb darf sich auch keiner der Jäger, die auf etwa 700 Hektar Wald verteilt sind, von seinem Jagdstand wegbewegen.

Auf dem Hochsitz erfahre ich warum. Der Knall eines Schusses von rechts, vier hintereinander von links, zwei kommen wieder aus der anderen Richtung. Es wäre höchstgefährlich jetzt durch den Wald zu laufen.

In unserem Sichtbereich ist immer noch kein Tier aufgetaucht, doch Förster Mantel ist jederzeit bereit zu reagieren. Auf einmal ein Rascheln von rechts. Er setzt zum Schuss an. Wir erkennen ein Wildschwein, das aber blitzschnell wieder im Dickicht verschwunden ist. „Das Tier war sowieso nur halb zu sehen“, sagt er. „Um schießen zu können, muss die Situation eindeutig sein.“ Das heißt, es muss geklärt sein, welches Geschlecht das Wildschwein oder Reh hat, ob es Nachwuchs dabeihat und es muss gut sichtbar sein.

Drei Stunden sind um. Bis auf zwei Füchse und das Wildschwein haben wir keine Tiere gesehen, der Jäger hat also keine Beute gemacht. Wir gehen zu einem vorbereiteten Platz im Wald, wo die „Strecke gelegt“ wird. Dabei werden alle geschossenen Tiere des Jagdtags gewogen, gesäubert und nebeneinander gelegt. 16 Wildschweine und sechs Rehe liegen dort auf dem Waldboden.

Auf der Jagd im Bramwald

„Die Jagd war erfolgreich, alles ist glatt gelaufen“, sagt Mantel. „Denn für uns ist es am wichtigsten, dass jeder heil nach Hause kommt.“

Hintergrund

Bei der Drückjagd wird das Wild mit Treibern oder Hunden aufgescheucht, um es vor die stehenden Jäger zu bringen. Dadurch kommt das Wild dem Jäger relativ langsam nahe. So kann der Jäger es in der Regel präzise identifizieren und beurteilen. Ziel der Drückjagd ist, durch nur wenige Störungen im Jahr den Abschussplan einzuhalten.

Die Jagd steht immer wieder in der Kritik: Es heißt, dass es für die Behauptung der Jäger keine Beweise gebe. Die sagen nämlich, dass ohne Bejagung Tierarten mehr Schäden anrichten und sich übermäßig vermehren würden. Weitere Stimmen meinen , dass sich die Bestände dennoch nicht regulieren würden, wie die Zunahme der Wildschweine beweise. Zurzeit steht auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier wegen seiner Gesellschaftsjagd in der Kritik.

Warum wird überhaupt gejagd? 

Die untere Jagdschutzbehörde erstellt zusammen mit dem Forstamt sogenannte Abschusspläne. Das sind Pläne, in denen genau geregelt ist, wie viel Wild geschossen werden muss. Bei Hirschen passiert das jährlich, bei Rehen alle drei Jahre. Für Wildschweine gibt es solche Pläne nicht.

Die Gründe dafür nennt Förster Gunter Mantel: „Der Bestand des Wildes muss reguliert werden, damit zum Beispiel nicht so viele Schäden entstehen“, sagt er. „Zum Beispiel verursachen Wildschweine Schäden in Weizen- und Maisfeldern, Rotwild zieht die Rinde vom Baum und Rehwild verbeißt junge Forstplanzen und stört damit die natürliche Verjüngung des Waldes.“

Ein weiterer Punkt ist, dass sich Wildunfälle häuften, wenn es keine Abschusspläne gebe. Laut Polizei gab es im vergangenen Jahr einen leichten Anstieg der Wildunfälle in Nordhessen, was auf die schlechtere Jagdquote zurückzuführen war. Im Altkreis Hofgeismar passierten 374 Wildunfälle mit Autos im Jahr 2014, 2013 waren es 375.

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