Flüchtlingskoordinator Maik Schneider: "Wir schaffen es nicht mehr."

Unterstützerkreis ausgelastet: Rentnerin betreute fünf Schwangere

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Beim Frauenarzt in Hofgeismar (von links): Christel Becker, Masti Mular und Abraham Tezazu mit der kleinen Hana und die Familie Obey, die ebenfalls Nachwuchs erwartet.

Oedelsheim. In Oberweser gibt es derzeit drei Unterkünfte, laut Flüchtlingskoordinator Maik Schneider kümmere sich ein harter Kern von fünf ehrenamtlichen Helfen um etwa 135 Flüchtlinge.

„Wir sind an einem Punkt, wo wir sagen müssen: Wir schaffen es nicht mehr“, sagt er.

Zu den Helfer-Treffen in den Unterkünften kämen zwar regelmäßig neue Gesichter, häufig ginge es dabei aber darum, „einfach mal zu schauen, was wir so machen“. Das führe dazu, dass Flüchtlinge in Oberweser nur noch beim Nötigsten unterstützt werden könnten. „Das ist keine Hilfe, sondern Schadensbegrenzung“, findet Flüchtlingskoordinator Schneider.

Schwangerenbetreuung 

Den Helfer-Engpass merkt auch Christel Becker. Die 69-jährige Rentnerin aus Oedelsheim betreute fünf schwangere Flüchtlingsfrauen gleichzeitig, weil niemand anders greifbar war. Angefangen habe sie vor zwei Jahren, „naiv wie ich war wollte ich einfach nur helfen“, sagt Christel Becker heute. In die Rolle der Schwangerschaftsbetreuerin sei sie irgendwie hineingewachsen. Schwangere hätten mit besonders vielen Herausforderungen zu kämpfen: Übelkeit, regelmäßige Kontrollbesuche beim Arzt und die psychische Belastung kämen zu Schwierigkeiten mit der Sprache hinzu. Das setzte ein enges Vertrauensverhältnis voraus.

Wie oft Christel Becker schon mit mehreren schwangeren Flüchtlingsfrauen nach Hofgeismar zum Arzt gefahren ist, weiß sie nicht mehr. Erstattet werden ihr die Fahrtkosten nicht, auf eine entsprechende Anfrage beim Landkreis habe sie die Antwort bekommen: „Nehmen Sie doch einen Minijob an.“ So etwas schrecke viele Helfer ab, vermutet die Rentnerin. Die Schwangeren in den Bus zu setzen, ist für die 69-Jährige aber undenkbar. Zumal die Verbindung nicht sonderlich gut sei.

Der Lohn: Christel Becker hält die neugeborene Hana im Arm. „Einer der schönsten Momente meines Lebens“, sagt sie.

Damit es mit den Frauen in der Arztpraxis klappt, wird am Tag vorher eine Checkliste mit wichtigen Informationen erstellt. Auch der Notruf wird geübt, falls Christel Becker einmal nicht direkt greifbar ist. Trotzdem wird bei ihr zuerst angerufen. Es war der Tag, an dem die kleine Hana geboren wurde: „Ich war gerade im Garten, als der Anruf aus der Unterkunft kam“, erinnert sich die 69-Jährige. Keiner habe so richtig gewusst, was los gewesen sei. Dafür sei die Aufregung umso größer gewesen. Der Notarzt wurde gerufen, Christel Becker saß mit im Krankenwagen. Einige Stunden später hält sie die kleine Hana im Arm, während sich Abraham Tezazu um die erschöfte Mutter Masti Mular kümmert. „Es war ein unglaublich tolles Erlebnis, weil es gut ausgegangen ist“, sagt Christel Becker. Hana ist mittlerweile sieben Wochen alt. Doch die Rentnerin hat auch schon zwei Fehlgeburten erlebt.

Patenschaft für den Alltag 

Sabrina Henne vom Unterstützerkreis Oberweser bringt Flüchtlinge als Praktikanten unter, etwa im Hotelbetrieb ihrer Eltern. Auch wenn eine Übernahme im Anschluss nicht einfach sei, würden sich die meisten Flüchtlinge sehr gut machen.

Manchmal seien es auch ganz alltägliche Probleme, die die Unterstützer an ihre Grenzen brächten: „Wie bekommt man einen Internetvertrag für Flüchtlinge, die eine zweijährige Laufzeit nicht zusagen können?“, fragt die 30-Jährige. Wenn Nachbarn eine Art Patenschaften für Flüchtlinge in Wohnungen übernehmen würden, wäre schon viel geholfen. „Man muss keine Berührungsängste haben“, sagt Christel Becker. „Wir helfen hier vielen tollen Menschen.“

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