Weserversalzung

Die Weser ökologisch aufwerten

Bernd Kleibl. Foto:  Henke

Oberweser. Die Planungen für eine Salzwasserpipeline aus dem osthessischen Kalirevier an die Oberweser stoßen auf großen Widerstand. Jetzt hat sich auch das Bündnis Hamelner Erklärung mit sieben Landkreisen und drei Städten in die Front der Gegner eingereiht. Mit dabei ist der Landkreis Kassel.

Das 2014 von 20 Landkreisen und Regionen gegründete Bündnis Hamelner Erklärung stritt erfolgreich für die Erdverkabelung der Hochspannungsgleichstromtrasse Südlink von der Küste bis Bayern. Nun widmet sich das hochrangig besetzte Bündnis auch dem Ziel, Werra und Weser wieder zu sauberen Flüssen zu machen. Wir sprachen mit Bernd Kleibl, Vorsitzender des Ausschusses Weserversalzung. Kleibl ist Leiter des Bereichs Bauen und Umwelt beim Landkreis Kassel.

Herr Kleibl, nach dem Thema Südlink nimmt sich das Bündnis Hamelner Erklärung nun auch des Problems der Weserversalzung an. Wie kam es dazu?

Bernd Kleibl: Als Landkreise und Städte sind wir als Weseranrainer betroffen von der Versalzung des Flusses. Wir meinen, das muss nicht sein, weil es bessere Möglichkeiten gibt, mit den Abwässern aus der Kaliindustrie umzugehen.

Als Leiter des Fachbereichs Bauen und Umwelt sind Sie seit Jahren mit der Problematik vertraut. Braucht es eine Fernleitung an die Oberweser, um im Kalirevier die Belastung zu reduzieren?

Kleibl: Nein, die braucht es nicht. Aus meiner Überzeugung und aus dem Wissen, das ich beim Landkreis Kassel aus der fachlichen Betreuung der Raumordnungsverfahren erworben habe, weiß ich, dass die Salzreduzierung vor Ort passieren muss. Auch eine Nordseepipeline wäre nicht richtig gewesen. Die Planung musste aus wirtschaftlichen und politischen Gründen vor die Wand fahren. Die Abwässer sind zehnmal salzhaltiger als das Meerwasser und der Jadebusen, in den sie hätten eingeleitete werden müssen, ist viel zu austauscharm.

Sie sagen, K+S verfolgt mit der Pipeline eine alte Politik. Wie sähe eine moderne Politik für das Unternehmen aus?

Kleibl: Eine moderne Entsorgungspolitik würde am Ende dafür sorgen, dass aus den geförderten Salzen vielmehr Wertstoffe herausgeholt werden und damit die Abfallmenge ganz beträchtlich sinken würde. Das ist die Grundüberlegung, auf die sich K+S einlassen sollte. Die unverwertbaren Reste aber werden in die Hohlräume unter Tage zurückgepumpt.

Wieviel Reserve gibt es da noch?

Kleibl: Da ist noch viel Luft nach oben. Heute ist es so, dass nur etwa 30 Prozent des geförderten Materials auch genutzt wird, der Rest wird als flüssiger Abfall oder Abraum behandelt. Auch das Umweltbundesamt sagt, das ist technisch machbar, man muss es natürlich aber auch wollen ...

Aber kürzlich hat K+S doch schon die sogenannte KKF-Anlage (Kainit-Kristallisations-Flotationsanlage) in Betrieb genommen, die Entlastung bringen soll.

Kleibl: Die KKF-Anlage ist leider nicht der große Befreiungsschlag. Die mindert die anfallende Abwassermenge vielleicht um fünf Prozent. Eigentlich müsste das gesamte Abwassersystem durch eine Umweltfabrik.

Das müsste doch technologisch möglich sein?

Kleibl: Ja, das ist sogar deutsche Ingenieurskunst. Die Firma K-UTEC aus Thüringen bietet solche Technologie an. Damit könnte der Konzern vielmehr Wertstoffe aus dem Kalibergbau holen als zurzeit. Es gibt Berechnungen, die sagen, damit würde K+S sogar Geld verdienen.

Aber warum setzt der Konzern solche Anlagen nicht ein?

Kleibl: Das fragen sich viele Beobachter. Wir vertreten im Bündnis aber zunächst nur, dass wir in Europa mit unserem Zugriff auf modernste Umwelttechnik unsere Flüsse nicht mehr vergiften müssen, wie das noch immer am Amazonas geschieht. Es gibt Hoffnung: Rhein und Elbe sind viel sauberer geworden, jetzt ist die Weser an der Reihe.

K+S verspricht, die riesigen Abraumhalden, die Monte Kali, in Zukunft abzudecken und damit die Abwasserfracht zu mindern.

Kleibl: Ja, K+S forscht, ob und wie die Halden abgedeckt werden können. Ein Versprechen kenne ich nicht. Persönlich bin ich noch nicht mal vorsichtig optimistisch, dass das gelingen kann. Wie soll bei den steilen Halden die Abdeckung konfiguriert werden? Da sind Unmengen von Abdeckungsmaterial nötig. Und dann sehen die Betriebspläne für die nächsten Jahrzehnte auch noch eine Verdoppelung der Halden vor. Das dürfte eine Baustelle für Generationen werden.

Mit einer Oberweser-Pipeline würde doch zumindest der Salzgehalt in der Werra sinken.

Kleibl: Ja, etwas, aber die Werra ist durch die diffusen Chlorideinträge aus dem Uferfiltrat langfristig unvermeidbar belastet. Das ist doch nicht die Lösung. Die Salzlake, die Werra und der hochbelastete Untergrund nicht mehr schlucken kann, soll nun einfach in die Weser gepumpt werden.

Ein oft zu hörendes Argument ist, die Kaliindustrie dürfe nicht zu sehr belastet werden, um tausende Arbeitsplätze nicht zu gefährden.

Kleibl: Es sind zwei große wirtschaftliche Fragen, die sich in dem Zusammenhang stellen: Da ist die Kaliproduktion, die sichere Arbeitsplätze viele wertvolle Produkte liefert, auf die die Welt angewiesen ist. Deshalb sind wir selbstverständlich für die Aufrechterhaltung. Aber da sind auch die Anwohner und der Tourismus an der Weser. Wir wissen, dass das Salz immer ein beschränkender Faktor für die touristische Entwicklung ist. Menschen wollen an einem sauberen Fluss leben und dort vielleicht auch Urlaub machen. Die ökonomische Wertschöpfung durch den Tourismus entlang der Weser ist bereits jetzt beachtlich. Unsere Vision ist, die Weser mit ihren Auen ökologisch und touristisch aufzuwerten.

Was wollen Sie als Ausschuss auf diesem Wege unternehmen?

Kleibl: Wir werden uns im Gespräch mit K+S erläutern lassen, wo Probleme und Lösungen aus Sicht des Unternehmens liegen. Wir werden dann unsere Erwartungen schildern. Dann beginnt die Suche nach Konsensflächen.

Glauben Sie, dass sich mit diesen Gesprächen etwas bewegen lässt?

Kleibl: Vorstandsvorsitzender Dr. Burkhard Lohr hat die Modernisierung der AG angekündigt. Unsere Hoffnung ist, dass er in der Lage sein wird, die Umweltpolitik des Konzerns in eine neue Richtung zu lenken. Ein sauberes Image des Unternehmens, das wünschen sich schließlich auch die Aktionäre.

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