Tiere kommen in der Dämmerung

"Trauriger Anblick": Rehe fressen auf Friedhof die Gräber kahl

Kunststoffnetz gegen Rehverbiss: Kränze und Gestecke dieser frischen Grabstätte konnten nur noch auf diese Weise vor den hungrigen Wildtieren geschützt werden. Monika Denecke, Corina Rosenberger, Bärbel Jordan, Ursula Berkenmeier, Elisabeth Losert und Jutta Hanf (von links) kennen das Problem von den Gräbern ihrer eigenen Angehörigen. Fotos:  Henke

Sielen. Wenn sie auf dem Friedhof in Sielen die Grabstätte ihrer Eltern besucht, dann wird Bärbel Jordan traurig und ärgerlich zugleich.

Denn seit Tagen schon wird die frische Bepflanzung auf dem Doppelgrab abgefressen. Rehe sind offenbar die Übeltäter.

Abgefressen: Bärbel Jordan zeigt die zerfledderten Stiefmütterchen. Die Rehe mögen anscheinend besonders die Blüten.

Die Tiere kommen in der Dämmerung aus dem Wald, wechseln über die Landesstraße und springen dann über den grünen Maschendrahtzaun des Friedhofs. Seitdem die Sielener dort die Gräber ihrer Angehörigen mit frischen Frühjahrsblumen bepflanzt haben, gibt es für das Wild viel Schmackhaftes zu fressen. Die Tiere machen sich über Stiefmütterchen ebenso her wie über Rosen, Primeln und Hornveilchen. Selbst vor Kränzen und Gebinden auf einer frischen Grabstätte machen sie nicht halt. „Man traut sich schon gar nicht mehr, etwas neu auf das Grab zu pflanzen“, sagt Bärbel Jordan, „am nächsten Morgen ist es dann doch wieder abgefressen.“

Blumenschalen zerrupft 

Wie Jordan ist es auch anderen Angehörigen von Verstorbenen ergangen. So klagt Elisabeth Losert darüber, dass auf der frischen Grabstätte ihres Mannes Blumenschalen in den vergangenen Nächten arg zerrupft worden sind. „Das ist jedesmal ein trauriger Anblick“, sagt auch Monika Denecke. Die Frauen haben schon einiges versucht, um den Rehen den Geschmack am frischen Grün zu verleiden. Aber ob ausgestreute Hornspäne oder stinkende Pflanzen, genützt hat das bisher nichts.

So sind einige Angehörige in letzter Zeit dazu übergegangen, die Gräber mit Netzen zu überspannen, damit das Rehwild nicht an die Blumen gelangen. „Aber das kann kein Dauerzustand sein“, sagt Bärbel Jordan, „wir sind ja schließlich nicht auf einer Kirschenplantage.“

Mit weißen Bändern haben die Frauen die Stellen markiert, an denen das wild den Zaun überwindet.

Einzig wirkungsvoll könne nur sein, den Zaun rings um den Friedhof höher zu ziehen, damit er ein echtes Hindernis für die Rehe darstellt. Die Stadt, der die Frauen das Problem mehrfach dargestellt haben, hat jetzt reagiert. „Unser Bauhof hat den Zaun instandgesetzt“, teilt Bürgermeister Kai Georg Bachmann auf HNANachfrage mit. Man wolle in den nächsten Tagen erstmal beobachten, ob die Zaunreparatur Abhilfe schaffe. „Wenn nicht, müssen wir wohl noch ein paar Maschen draufsetzen.“

Rehe auch in Deisel 

Der Bürgermeister weist darauf hin, dass Rehe auf dem Friedhof auch im Stadtteil Deisel ein Problem seien. Weil der Friedhof dort noch nicht komplett eingefriedet sei, werde der Bauhof dort zunächste einen Elektro-Weidezaun installieren. Zudem will Bachmann zusammen mit der Jägerschaft der Frage nachgehen, ob die Population des Rehwildes im Trendelburger Stadtgebiet inzwischen zu groß geworden ist. Denn dass die Tiere so massiv in den Innenbereich der Ortschaften drängen, „ist ein relativ neues Phänomen“, so Bachmann, „das kannten wir so vor Jahren noch nicht“. Aber möglicherweise entschärfe sich das Problem spätestens dann, wenn es für die Tiere auf den Feldern wieder mehr zu knabbern gibt. Dann verlagert sich das Problem vielleicht von den Friedhöfen auf die Landwirtschaft.

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