Verbundprojekt in ganz Deutschland

Für künftige Mischwälder: Fachleute suchen die besten Bäume im Reinhardswald 

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Koordinator André Hardtke und Forstingenieurin Vera Bonn zählen herabgefallene Eicheln. 

Reinhardshagen/Hann.Münden. Bäume aus dem Reinhardswald sollen dazu beitragen, dass die Wälder in Deutschland künftige Problemphasen wie Wetterauswirkungen besser überstehen. 

Die Eichen im Reinhardswald sind dieses Jahr wie im Rausch. Obwohl 2018 ein sehr trockenes Jahr ist, haben die Bäume eine Vollmast produziert, ihre ganze Kraft in die Produktion von Früchten gesteckt. Dadurch ist der Boden im Wald bei Wilhelmshausen, wie anderswo auch, übersäht mit Eicheln. Es sind zwei bis drei Tonnen pro Hektar. 

Normalerweise wird das genutzt, um im großen Stil Eicheln für die Aussaat neuer Wälder zu sammeln. Doch im Bestand 506 ist es anders: Hier werden die herabgefallenen Eicheln gezählt, in Karten eingetragen, einzelnen Bäumen zugeordnet und später im Labor per Gen-Analyse auf ihre Vererbungseigenschaften untersucht. Daraus soll der Wald der Zukunft entstehen.

Zwei Mitarbeiter der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) Hann.Münden sind im Revier Wilhelmshausen beim ehemaligen Truppenübungsplatz beim Ortstermin und sichten gemeinsam mit Klemens Kahle vom Forstamt Reinhardshagen die bisherigen Ergebnisse. Was hier läuft, ist Teil eines 2014 gestarteten und von der NW-FVA koordinierten Verbundprojektes, um in ganz Deutschland besonders perfekte Bäume zu bestimmen, um daraus klimastabiles höherwertiges Saat- und Pflanzgut zu produzieren. 

Die Suche nach sogenannten Plus-Bäumen

Im Reinhardswald werden deshalb durch den Koordinator André Hardtke und die Forstingenieurin Vera Bonn Waldbestände exakt aufgenommen, die Bäume nummeriert und eingemessen. Für die Vermehrung werden vor allem sogenannte Plus-Bäume gesucht, die besonders gerade gewachsen sind, keine zu tief abzweigenden Äste oder sonstige Nachteile haben. 

Deren Früchte werden eingesammelt, um sie später im Labor auf ihre Vererbungseigenschaften zu prüfen und einen genetischen Fingerabdruck zu erstellen. Die Testernte im Reinhardswald soll klären, wie sich eine Einzelbaumernte auf die genetische Vielfalt im Saatgut auswirkt. Die sei wichtig, damit die langsam wachsenden Eichen auf Klimaveränderungen reagieren können.

Große Bandbreite: Die Eicheln, die von den Eichen herabfallen, haben sehr unterschiedliche Qualitäten. Sie werden gezählt und statistisch erfasst.

„Bisher wurde in Saatgutbeständen flächig geerntet, ohne dass dadurch eine nennenswerte Erhöhung der Saatgutqualität erreicht werden kann“, berichtet Hardtke, der über das Thema seine Doktorarbeit schreibt. Ziel des vom Waldklimafonds geförderten Projektes sei es, durch einzelbaumweise Beerntung der besten Bäume die Qualität der Samen zu verbessern. 

Dadurch könne in relativ kurzer Zeit, in zwei bis drei Jahren, höherwertiges Saatgut für den Markt produziert werden, bis die neuen Samenplantagen angelegt sind und nach etwa 15 Jahren Früchte tragen. Die künftigen Waldbäume sollen nicht nur einen erhöhten Wertholzanteil haben, sondern sich auch besser an die Umweltbedingungen anpassen können und eine optimierte Vitalität und Widerstandsfähigkeit haben.

Die Prüfung von Saatgut ist umso wichtiger, als es immer wieder zu Betrugsversuchen mit verfälschtem, billigen Saatgut von schlechten Bäumen kommt. Hardtke: „Ein Landwirt kann seinen Acker im nächsten Jahr umpflügen, wenn was schief läuft. Was wir pflanzen, das ernten erst künftige Generationen.“

Das Forschungsprojekt "FitForClim"

Die Testflächen im Reinhardswald sind Teil eines deutschlandweiten Pilotprojektes zur Gewinnung von hochwertigem Forstvermehrungsgut, das den Wald der Zukunft überleben lassen soll. Das deutsche Projekt mit dem englischen Namen „Fit4Clim“ (Fit for clim, sinngemäß: Gestärkt für den Klimawandel) soll Samen von Nadelbäumen (Douglasie, Fichte, Waldkiefer, Lärche) sowie Eichen und Berg-Ahorn gewinnen und dabei eine genetische Vielfalt garantieren, um stabile und anpassungsfähige Bestände zu ermöglichen. 

Ziel sind bessere Wuchsleistung (einschließlich mehr CO2-Bindung), mehr Kohlenstoffbindung und eine Holzqualitätsverbesserung, weil die Situation im Wald nicht besser wird. Ursachen sind steigende Nachfrage und abnehmende Waldnutzungsflächen sowie schwierigere klimatische Bedingungen. 

Durch die Kooperation von zehn Forstlichen Versuchsanstalten bzw. Landesforsten werden auf Versuchsflächen und in Beständen sogenannte Plus-Bäume mit perfekter Qualität ausgewählt und registriert. Von ihnen werden zunächst die Samen untersucht. Zur Vermehrung werden Reiser aus den Baumkronen geerntet, die durch Pfropfung veredelt und in Archiven als Grundlage für Samenplantagen zusammengestellt werden.

Ein Prachtexemplar von Eiche: Koordinator André Hardtke und die Forstingenieurin Vera Bonn stehen an einem der Superbäume im Reinhardswald, einer sehr vitalen und gerade gewachsenen Eiche, die als sogenannter Plus-Baum künftig Material für die Nachzucht neuer Baum-Generationen liefern soll. Der Baum ist 118 Jahre alt und es werden wohl noch 50 Jahre vergehen, bis er gefällt und verwertet wird. Foto: Thomas Thiele

Geprüftes Saatgut

Für Forstsaatgut gibt es vier Qualitätsstufen: 1. Von einer Saatgutquelle oder einem Erntebestand in einem Herkunftsgebiet („Quellengesichert“). 2. Von einem Bestand, der zusätzlich nach äußeren Merkmalen bewertet wurde („Ausgewählt“). 3. Von einer Plantage, Elternbäumen oder einem Klon, der auf Einzelpflanzenebene ausgewählt wurde („Qualifiziert“) oder schließlich, wie in diesem Fall, 4. von Vermehrungsgut, das zusätzlich noch im Labor auf genetischer Basis auf die Überlegenheit gegenüber anderen Samen untersucht wurde („Geprüft“). Bis eine Eiche genug Eicheln für die Aussaat produziert, vergehen etwa 15 Jahre.

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