Gefahrenquelle kranke Bäume

Abbrechende trockene Äste stellen großes Risiko dar

+
Inspizierung des Stammes: Forstwirtschaftsmeister Björn Feuerstack deutet auf die Schleimflussflecken. Auch die Rinde ist schon abgeplatzt.

Erhöhte Vorsicht ist derzeit beim Betreten der heimischen Wälder geboten. Die Forstverwaltungen weisen darauf hin, dass von kranken Bäumen Gefahr ausgeht.

Wenn trockene Äste unvermittelt abbrechen, dann birgt das Risiken für Wanderer, Radfahrer und Pilzsucher. 

Im benachbarten Kreisteil Wolfhagen ist der Weg hoch zur Weidelsburg bereits gesperrt. Zu gefährlich erscheint Hessen Forst der Marsch unter den Kronen der alten Buchen. 

An den Eingängen zum Grebensteiner Stadtwald hat Förster Günter Koch indes Warnschilder aufstellen lassen. Waldbesucher werden auf die erhöhte Gefährdungslage hingewiesen: „Wegen Trockenheit sterben Bäume ab. Äste und Bäume können plötzlich abbrechen und herabstürzen“, lautet die Warnung. Den Waldspielplatz für Kinder hat Koch gleich ganz sperren lassen. 

Es sind insbesondere die Buchen, von denen erhöhte Gefahr ausgeht. Der zweite trockene, heiße Sommer in Folge hat ausgerechnet die Art, die hier die natürliche Vegetation bildet, auf vielen Flächen schwer geschädigt. Doch gerade jetzt, wo die Bäume ihr Laub abwerfen, sind die Schäden nicht mehrleicht auszumachen. „Buchen trocknen von oben zurück“, sagt Koch, trockene Äste seien von unten nicht leicht zu erkennen. 

Warnschild am Grebensteiner Wald

Auch im Reinhardswald wird derzeit mit Hochdruck daran gearbeitet, Straßen und Wege verkehrssicher zu machen. In diesen Tagen werden an der B 3 bei Wilhelmshausen kranke Eschen, Buchen und Fichten entnommen. „Die Gefahr für den Verkehr ist zu groß geworden“, sagt Forstamtssprecher Klemens Kahle, „da müssen wir handeln.“ 

Gehandelt hat das Forstamt Reinhardshagen auch an der Höhenstraße im Revier Wesertal. Über Wochen wurden an den Straßenrändern kranke Bäume entnommen. Dass alle Gefahren beseitigt werden, damit rechnet Günter Koch nicht. Erst im April, wenn die Bäume ausschlagen, „sehen wir, wie groß die Schäden wirklich sind."

Betreten des Waldes auf eigene Gefahr

Das Betreten des Waldes geschieht auf eigene Gefahr. Das bestimmt Paragraf 14 des Bundeswaldgesetzes. Das gilt insbesondere für „waldtypische Gefahren“, die das Gesetz beschreibt. Dazu zählen unter anderem Gefahren, die von absterbenden Bäumen, trockenen Ästen oder auch von Wildtieren ausgehen können. Darauf müssen sich Wanderer, Radfahrer und derzeit auch Pilzsucher einstellen. Aus Sicherheitsgründen können Waldwege auch gesperrt werden.

Verkehrssicherheit im Wald wird ein Problem

Im Wald lauern Gefahren. Die gehen heute nicht mehr von hungrigen Wölfen und gefräßigen Bären aus. Die Bäume selbst sind es, unter denen ein Aufenthalt gefährlich werden kann. Vor allem kranke, vertrocknende Buchen können in ihrer Not Äste nicht mehr versorgen, lassen sie absterben und beim kleinsten Windstoß oder geringster Erschütterung herunterkrachen. „Unter solchen Bäumen herrscht Lebensgefahr“, sagt Klemens Kahle, Sprecher des Forstamtes Reinhardshagen.

Die Rekordtemperaturen und die Trockenheit der letzten beiden Sommer haben den Wald großflächig gestresst. Und dann kam der Borkenkäfer, der nicht nur die Fichten in großer Zahl heimgesucht hat, sondern auch Lärchen und Buchen.

Inspizierung des Stammes: Forstwirtschaftsmeister Björn Feuerstack deutet auf die Schleimflussflecken. Auch die Rinde ist schon abgeplatzt.

Wie sich in diesem Jahr gezeigt hat, kommen gerade die in unseren Breiten standorttypischen Buchen mit dem Klimawandel immer weniger zurecht. Auf ungünstigen, klüftigen Standorten reicht oftmals die Saugleistung der Bäume nicht mehr aus, Wasser bis in die oberen „Stockwerke“ zu pumpen. In der Folge vertrocknen die Äste und durch die aufplatzende Rinde gelangen Pilze in das Holz und zersetzen das Lignin. „Bei der Buche kann das ziemlich schnell gehen“, sagt Förster Kahle. Ein Baum, der vor Kurzem noch gesund aussah, kann bald schon todkrank sein. „Dann können sogar dicke Stämme einfach durchbrechen.“

Um die Schäden besser erkennen zu können, nehmen die Förster immer öfter ein Fernglas in die Hand und suchen in den oberen Etagen des Waldes nach verdächtigen Stellen im Geäst. Die machen sich unter anderem durch dunkle Flecken auf der Rinde bemerkbar, dem Schleimfluss. Hervorgerufen wird der durch den Baumsaft, der durch zerstörte Leitungsbahnen an die Oberfläche dringt, dort verdickt und zur Nährstoffquelle für Pilze und Bakterien wird.

Wenn die Bäume auf solche Art geschädigt sind, wird nicht nur der Aufenthalt unter ihnen riskanter, sondern auch die Arbeit der Forstwirte. Aus Gründen des Arbeitsschutzes kommen sie beim Fällen der geschädigten Bäume nicht ohne Seilzugtechnik aus.

Fällen per Seilzug: Nachdem Forstwirtin Vanessa Schulz den Baum am Fuß angeschnitten hat, wird er von der Winde umgezogen.

Vergangene Woche war die Technik an der Reinhardswald-Höhenstraße unterhalb des Forstscheids im Revier Wesertal gut zu beobachten. Zunächst wird ein an der Zugwinde eines Rückschleppers befestigtes Seil in sechs Meter Höhe um den Stamm gebunden. Dann wird der Baum am Stamm mit der Motorsäge angeschnitten. Ist die eingeschnittene Kerbe weitgenug, bringt sich der Forstwirt außerhalb der Krone in Sicherheit. Dann ist es nur noch ein kurzer Moment, dass der Schlepper das Seil anzieht und die 30 Meter hohe Buche drei Meter entfernt vom Straßenrand aufschlägt.

Die bei gesunden Erntebäumen angewandte Fälltechnik, bei der mit Keilen und Hammerschlägen die eingeschnittenen Kerben aufgeweitet werden, bis der Baum fällt, kann bei kranken Exemplaren nicht angewandt werden. Denn jede Erschütterung von Stamm und Krone könnte Totholz von oben herunterbrechen lassen. Die Gefahr für die Holzfäller wäre zu groß.

Wenn Forstwirtschaftsmeister Björn Feuerstack anschließend den gefällten Baum in Augenschein nimmt, stellt er fest, ob und in welcher Länge der Stamm noch für die Sägewerke zu verwerten ist. Nicht selten sind aber die Stämme schon so von Fäulnispilzen angegriffen, dass sie allenfalls noch für die Zerspanung oder zu Heizzwecken verwendet werden können.

Der wirtschaftliche Schaden, den Trockenheit und Käferfall bis jetzt auch im Reinhardswald angerichtet haben, ist enorm. Weil der Markt gesättigt ist und die Kapazitäten der Aufarbeitung erschöpft sind, hat Hessen Forst die sonst in dieser Jahreszeit übliche Holzernte komplett eingestellt. Jetzt werden nur noch die Bäume umgelegt, die eine Gefahr darstellen. Denn auch im Wald ist Verkehrssicherheit zu gewährleisten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.