Über den eigenen Kirchturm hinaus

In Reinhardshagen ist man sich einig: Windkraft gehört nicht in den Wald

Reinhardshagens Erster Beigeordneter Albert Kauffeld, Sven Schäfer (Vizevorsitzender Gewerbeverein), Angela Schäfer und Wolfgang Bertelmann stehen im Wald
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Sie wollen keine Windkraft im Reinhardswald: (von links) Reinhardshagens Erster Beigeordneter Albert Kauffeld, Sven Schäfer (Vizevorsitzender Gewerbeverein), Angela Schäfer und Wolfgang Bertelmann.

Sollten Windkraftanlagen im Reinhardswald genehmigt werden, dann wird der Klageweg beschritten: Dessen ist sich Reinhardshagens Bürgermeister Fred Dettmar sicher.

Reinhardshagen – Und er macht klar: Seine Gemeinde werde andere Kommunen oder Bürgerinitiativen bei Klagen unterstützen. Dabei wisse er eine große Mehrheit im Ort hinter sich – egal ob im Parlament, in der lokalen Wirtschaft oder in der Bevölkerung. Hier einige Eckpunkte dazu:

Rechtliche Schritte

Noch ist es längst nicht so weit, im Genehmigungsverfahren stehen entscheidende Phasen erst noch bevor (siehe Hintergrund). Doch das Thema ist in Reinhardshagen längst präsent. „Wenn wir einen Betrag X in den nächsten Haushalt einstellen würden, um rechtliche Schritte gegen den Windpark zu unterstützen, dann würde es – Corona hin oder her – dafür sicher breite Zustimmung geben“, sagt Dettmar. Und fügt dann hinzu: „Ich denke, wir werden das machen.“

Einer, der das befürwortet, ist Sven Schäfer. Eigentlich ist er ein Freund erneuerbarer Energien. Sonst würde er wohl kaum einen Solarpark betreiben. Auch der Windkraft steht er aufgeschlossen gegenüber. Eigentlich. Denn eines macht der 37-jährige Unternehmer deutlich: Im Reinhardswald haben Windräder für ihn nichts zu suchen. „Wald an sich ist der größte Klimaschutz.“

Im 100 Mitglieder starken Gewerbeverein, dessen Vizevorsitzender Schäfer ist, höre man ähnliche Stimmen, sagt er. Und daher wollen Unternehmer aus der Gemeinde auch dafür sorgen, dass die Diskussion um die Windkraft im Reinhardswald nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet. „Nach der Entscheidung in Trendelburg denken vielleicht viele: Es ist alles schon entschieden“, erklärt Schäfer. „Doch das stimmt nicht. Der Windpark kann noch verhindert werden.“

Protest und Votum

Rückblende: 2. Juli, Kulturhalle Trendelburg, die letzte Stadtverordnetensitzung vor der Sommerpause. 350 Windkraftgegner protestieren, zum Teil sind sie aus Reinhardshagen angereist. Busunternehmer Daniel Sallwey hat die Fahrt ermöglicht, auch er ist ein Gegner der Windkraftpläne und engagiert sich, genauso wie Bauunternehmerin Babette Rettberg, wie Schäfer aufzählt. Am Ende stimmt man in Trendelburg anders, als von den Demonstranten erhofft – eine weitere Entscheidung Richtung Windpark.

In Reinhardshagen sieht das politische Votum anders aus. Obwohl man sich hier eigentlich zurücklehnen könnte. Denn die Windräder, die 240 Meter hoch im Wald entstehen sollen, würde man von hier aus nicht mal sehen, sagt die Runde, die sich im Rathaus versammelt hat. „Doch hier gibt es kein Kirchturmdenken“, meint Albert Kauffeld, der Erste Beigeordnete der Gemeinde. „Die Windräder zerstören unseren gemeinsamen Naturraum“, sagt der Mann von der UWG (Unabhängige Wählergemeinschaft) mit Blick auf die Region. „Wir wollen den Reinhardswald erhalten.“ Ausgerechnet jetzt, wo sanfter Tourismus in Mode komme, solle dieses Waldgebiet zerstört werden.

Dem pflichtet Wolfgang Bertelmann bei, der wie Sven Schäfer an diesem Tag nicht als UWG-Parlamentarier, sondern als Gewerbetreibender seine Sorgen äußert. Es gebe noch zu viele offene Fragen und Risiken bezüglich von Windkraft im Reinhardswald. Natürlich sei der Trend zu erneuerbaren Energien wichtig, ergänzt Schäfer. „Aber eben nicht willkürlich in der Natur, im Wald.“ Trinkwasser, Lärm, Landschaftsbild, Gefahr für Flora und Fauna: All das führt Schäfer ins Feld. Gewerbetreibende aus dem Ort würden Windkraftgegner wie das Aktionsbündnis Märchenland unterstützen, das auf der Gewerbeschau einen kostenlosen Infostand hatte.

Zusammenarbeit

Auch, wenn sich mehrere Initiativen gegen die Windkraftpläne im Reinhardswald aussprechen: „Aus meiner Sicht kommt noch zu wenig Protest aus der Region“, sagt Albert Kauffeld. Dafür laufe die Abstimmung unter Kommunen, die sich dagegen aussprechen, sehr gut, berichtet er. Man arbeite unter anderem mit Hann.Münden und Bürgerinitiativen zusammen, sagt Fred Dettmar. Vogelpopulation, Brandschutz: Themen, die man sich aufgrund des Antrags der Planer derzeit genauer anschaue: „Dafür nehmen wir auch schon im Haushalt genehmigtes Geld in die Hand“, sagt der Verwaltungschef. Egal ob Würgassen, Salz in der Weser oder Windpark im Reinhardswald: „Es geht uns darum, unseren Naturraum zu schützen.“ (Matthias Müller)

Genehmigungsverfahren: Es fehlen noch Unterlagen

20 Windkraftanlagen will die Windpark Reinhardswald GmbH & Co. KG im Bereich des Waldgebietes errichten. Für zwei der ursprünglichen Anlagen müssen nach einer Eingabe der Bundeswehr Alternativstandorte gesucht werden, da sie ein Nato-Radar in der Nähe beeinträchtigen könnten. Demnach sind derzeit 18 Anlagen Teil des Genehmigungsverfahrens beim Regierungspräsidium Kassel. Dort hatten die Planer vergangenes Jahr im Sommer den entsprechenden Antrag eingereicht.

Wann genau die Öffentlichkeit am Verfahren beteiligt wird, sei derzeit allerdings noch unklar, teilte eine RP-Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung mit. Für das Genehmigungsverfahren fehlten noch Unterlagen vonseiten des Antragstellers. Sobald diese vorlägen, könne man einen Zeitplan für die Öffentlichkeitsbeteiligung erstellen.

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