Waldensersiedlung Gewissenruh: Platz nach Pierre Héritier benannt

Heute noch im Ort verehrt: Der Ur-Ur-Enkel des Ortsgründers, Christian Louis Héritier.

Gewissenruh. An den verdienten ersten Bürgermeister der 1722 gegründeten Waldenserkolonie Gewissenruh an der Oberweser erinnert jetzt der offiziell eingeweihte Pierre-Héritier-Platz. Noch heute sprechen die Einwohner der von waldensischen Flüchtlingen gegründeten Siedlung mit Hochachtung von ihm.

Auf Initiative von Bürgermeister Rüdiger Henne, Ortsvorsteher Olaf Pallutt sowie des Vereins der Waldenserfreunde wurde das Projekt in den vergangenen Wochen intensiv vorbereitet.

Pfarrer Christian Trappe und Waldenserforscher Thomas Ende erinnerten an wichtige Eckpunkte aus der Lebensgeschichte des Pierre Héritier und seiner Nachkommen:

Am 8. März 1688 wurde Héritier im kleinen Gebirgsdorf La Clée (Val Cluson/Cottische Alpen) geboren. Aufgrund ihres evangelisch-reformierten Bekenntnisses musste die Familie die Heimat 1698 verlassen und fand nach Zwischenaufenthalten in der Schweiz und Arheilgen/Darmstadt eine Zuflucht im Herzogtum Württemberg. 1720 brachen etwa 400 Waldenser von dort in Richtung Ostpreußen auf - darunter Pierre Héritier, 32 Jahre alt. Die geplante Ansiedlung war jedoch zum Scheitern verurteilt und Héritier kam über Berlin und Dänemark an die Oberweser.

1722 gründete er zusammen mit elf weiteren Waldenserfamilien die Kolonie Gewissenruh, wurde erster Grebe (Bürgermeister) des „Franzosendorfes“ und übernahm das Amt des Kirchenältesten.

Am 1. April 1723 heiratete er in der benachbarten Waldensersiedlung Gottstreu Isabeau Rivoir. Sie hatten sieben Kinder. In Gewissenruh besaß die Familie ein bescheidenes Wohnhaus samt Scheune.

Unter großem Beifall der Gewissenruher und zahlreicher Gäste enthüllten Ortsvorsteher Olaf Pallutt und Bürgermeister Rüdiger Henne am neuen Pierre-Héritier-Platz eine Gedenktafel, die ausführlich über die Herkunft und das Wirken der Waldenserfamilie informiert. 

Da Pierre Héritier nicht nur als Landwirt, sondern auch als Zimmermann tätig war, hat er mit seinem Nachbarn, dem Zimmermeister Jean Jouvenal, die Aufbauphase der Waldensersiedlung wesentlich geprägt.

Als Grebe und Kirchenältester setzte sich Héritier mit großer Umsicht, aber auch sehr nachdrücklich, für das Wohl der Dorfgemeinschaft ein und wurde nicht müde, die landgräflichen Behörden um Unterstützung beim Aufbau der Kolonie zu bitten.

Am 22. Juli 1761 starb er in Gewissenruh im Alter von 73 Jahren. Sein Ur-Ur-Enkel Christian Louis Héritier, ebenfalls Bürgermeister in Gewissenruh, stand der sozialdemokratischen Idee nahe und wanderte mit seiner Familie 1911 als Pazifist in die Schweiz aus. Er wollte seine Söhne nicht dem Krieg opfern.

Sein Sohn Dr. Alvin Héritier (1899-1988), widmete sich mit Hingabe der Waldenserforschung. Seinem Geburtsort Gewissenruh fühlte er sich trotz räumlicher Entfernung stets eng verbunden.

Das Besondere: „Hier wird nicht einer übergeordneten Persönlichkeit gedacht, sondern einem von uns“, wie Thomas Ende zusammenfassend formulierte. (eg)

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