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Sprengstofffabrik wurde zur Klinik

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Von: Thomas Thiele

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Jugendliche und zwei Betreuer stehen vor einem Klinikgebäude und betrachten alte Fotos.
Geheimsache auf der Spur: Jugendliche aus dem Wesertal erkundeten in mehreren Gruppen die im Wald gelegene ehemalige Munitionsfabrik, deren Gebäude seit Jahrzehnten als Klinik genutzt werden. © Thomas Thiele

Sie war einst ein Staatsgeheimnis – Die Sprengstofffabrik im Wald bei Lippoldsberg.

Lippoldsberg - Sogar Erwachsene, die nur zehn Kilometer entfernt wohnen, geben zu, dass sie davon bisher nichts wussten: Auf dem im Wald versteckten Gelände des Klinik- und Rehazentrums Lippoldsberg befand sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine geheime Munitionsfabrik. Am Freitag waren Jugendliche und einige Erwachsene unterwegs, um nach deren Spuren zu suchen.

„Staatsgeheimnis! Geheimhaltungsvorschriften beachten“ steht in roter Farbe und mit Ausrufezeichen auf dem Lageplan, den der frühere Chemiker Hans-Georg Langer aus Lippoldsberg den elf- bis 16-jährigen Jungen und Mädchen aus Gieselwerder und Oedelsheim sowie von der Jugendfeuerwehr Reinhardshagen erläuterte.

Fünfmal so stark wie Schwarzpulver

Zur Einführung erklärte er mit Fotoschau und Bildschirmpräsentation die Entwicklung der geheimen Fabrik der Paraxol-GmbH und den komplexen Herstellungsvorgang des Stoffes Pentaerythrit. Er diente als Grundstoff für die Herstellung des Sprengstoffs Nitropentaerythrit, der die fünffache Sprengkraft von Schwarzpulver hatte, aber als handhabungssicher galt.

Zur Herstellung wurde aus Methanol, das in Kesselwagen angeliefert wurde, Formaldehyd gewonnen, das man mit Acetaldehyd reagieren ließ. Am Ende blieb ein Pulver, das sich in Säcke füllen ließ.

Viele verdienten gut mit

Der Historiker Dr. Wolfgang Schäfer schilderte, wie die Großbaustelle für Baufirmen, Gaststätten und Zimmervermieter in den Nachbarorten eine Umsatzwelle auslöste: „Was da im Wald genau geschah, wollte dann aber keiner so genau wissen.“ Vielen Menschen ging es durch das Werk gut, viele verdienten daran, es gab doppelten Lohn. Schäfer: „Aber man muss wissen: Hier wurde Stoff produziert für den Krieg, um Bomben zu bauen und Menschen zu töten.“,

Am Waldrand steht ein runder Bunker aus Beton, dessen oberer Teil aufgerissen und abgerutscht ist. Auf der schrägen Decke stehen immer noch Bäume.
Die Methanolbunker am Waldrand wurden 1947 gesprengt und stürzten ein. © Schäferhausmuseum Lippoldsberg

Sogar 13-Jährige eingesperrt

Hans-Georg Langer machte deutlich, dass auch 110 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern eingesetzt wurden und auch 106 Strafgefangene. Zum Teil waren darunter ganze Familien, eine mit einem 13-jährigen Mädchen. Es reichte schon, dass man im Alltag den Hitlergruß verweigert hatte.

Häuser erhielten Namen statt Nummern

In mehreren Gruppen gingen die Jugendlichen auf Exkursion, um anhand von historischen Fotos fünf Gebäude im Gelände wiederzufinden. In der Fabrik waren die Gebäude durchnummeriert, seit 1960 tragen sie Städtenamen. Dass sich in ihnen einmal eine großindustrielle Anlage befand, die pro Tag enorme 750 Kubikmeter Wasser und 20 000 Liter des immer knapper werdenden Methanols verbrauchte, sieht man ihnen nicht mehr an. Die Pentaerythrit-Produktion befand sich einst in den Häusern Aachen, Trier, Frankfurt und Lübeck, Formaldehyd wurde gewonnen in den Häusern Breslau und Königsberg.

Regisseur Fritz Umgelter steht mit Kameramann und Tontechnikern neben einem eingestürzten Bunker.
Filmkulisse: Im November 1976 drehte Regisseur Fritz Umgelter (links) in den Bunkerresten Szenen für die 72. Tatort-Folge „Flieder für Jaczek“. Archiv © Thomas Thiele

Die Jugendlichen bedauerten, dass sie die Methanolbunker im Wald wegen des Sturms nicht besuchen durften, konnten dann aber einige der Klinikgebäude als alte Werksgebäude identifizieren.

Nicht nur Jugendliche auf Spurensuche

Diese erste Veranstaltung unter dem Titel „Lost Places - auf den Spuren der lokalen Geschichte“ fand für Jugendliche statt. Ausgerichtet wurde sie als Kooperation der Initiative „Wesertal ist bunt“, die sich lokal für Demokratie und Vielfalt einsetzt, mit der DEXT-Fachstelle (für Demokratie und gegen Extremismus) und dem Jugendbildungswerk des Landkreises Kassel sowie Experten des Schäferhausmuseums Lippoldsberg, das die Geschichte des Rüstungsbetriebs erforscht und auch schon eine Ausstellung präsentierte. Die erste Exkursion war ein Experiment, weitere Veranstaltungen auch für Erwachsene sind geplant. 

Säulen sollten Explosion überstehen

Ihre Besonderheit besteht, wie Eva Gertz vom Jugendbildungswerk des Kreises Kassel erklärte, darin, dass sie Säulen aus Sandstein besitzen und dazwischen dünnere Wände aus Backsteinen. Grund: Falls es zu einer Explosion gekommen wäre, würden die Steine rausfliegen und die Säulen stehen bleiben.

Zum Glück gehe es in den Häusern heute nicht mehr um Krieg, sondern um Gesundung, Erholung und Bildung. Oliver Vogt von „Wesertal ist bunt“ forderte die Jugendlichen auf, nicht alles sofort zu glauben, was erzählt werde, sondern genau hinzusehen und kritische Fragen zu stellen. (Thomas Thiele)

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