Thomas Chwalek ist seit 25 Jahren Schwimmmeister in Immenhausen

Ein Tag im Freibad: Auf den Schwimmmeister hören alle

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Seit 25 Jahren Schwimmmeister in Immenhausen: Thomas Chwalek auf der Rutsche seines Freibads.

Das Freibad ist im Sommer das Herz eines jeden Ortes. Hier sind fast alle gleich. Der Schwimmmeister sorgt dafür, dass jeder seinen Spaß hat. Ein Besuch bei Thomas Chwalek in Immenhausen.

Der Satz, den Thomas Chwalek in den vergangenen 25 Jahren am häufigsten gesagt hat, lautet: "Bitte nicht vom Beckenrand springen." Der 48-Jährige ist seit einem Vierteljahrhundert Schwimmmeister im Hallen- und Freibad Immenhausen, und gerade sagt er den Satz wieder besonders häufig. Es ist Hochsaison auf der 20.000 Quadratmeter großen Anlage am Rand des Reinhardswalds.

Bei schönem Wetter trifft sich die Dorfjugend auf der großen Wiese und übt Salti vom Startblock. Mütter schauen ihren kleinen Kindern im Planschbecken zu. Und drinnen ziehen Senioren ihre Bahnen.

Anderswo müssen Kommunen ihre Bäder schließen, weil sie kein Geld mehr haben. In den größeren Städten stehen mittlerweile riesige Spaßbäder. In der 1973 in Immenhausen eröffneten Einrichtung hingegen gibt es auf den ersten Blick nur zwei 25-Meter- und ein Kinderbecken. Und es gibt Thomas Chwalek, der mit seinem sechsköpfigen Team dafür sorgt, dass selbst mancher Kasseler lieber nach Immenhausen fährt statt ins neue Auebad.

Dabei ist der dreifache Familienvater aus Hofgeismar in den Beruf nur hineingerutscht, wie er sagt. Als Rettungsschwimmer war er Mitglied der DLRG-Ortsgruppe Vellmar, als er hörte, dass ein Ausbildungsplatz zum Fachangestellten für Bäderbetriebe frei war. Später wurde er Schwimmmeister, heute nennt ihn jeder Bademeister, was streng genommen falsch ist. Denn ein Masseur und medizinischer Bademeister, wie der Ausbildungsberuf genau heißt, massiert Patienten und heilt sie mit Elektrotherapien.

Der Schwimmmeister Chwalek hingegen ist eine Art Mehrkämpfer: "Ich muss viele Berufssparten ein bisschen kennen." Er ist Rettungsschwimmer, Klempner, der Motoren und Pumpen überprüft, Chemiker, der den PH-Wert misst, Lehrer, der mehr als 1000 Kindern das Schwimmen beigebracht hat, und Verwaltungsfachmann. Die DIN 19643, die zum Beispiel festlegt, wie viel Chlor im Wasser sein darf, kann er im Schlaf aufsagen.

Vor allem aber ist Chwalek der Chef im Schwimmbad. Heutzutage gibt es nicht mehr viele Autoritätspersonen. Die letzten sind vielleicht Fußball-Schiedsrichter, die man nicht einmal anfassen darf. Andernfalls gibt es eine Gelbe Karte. Ein guter Schwimmmeister ist wie ein guter Unparteiischer: Er fällt nicht auf, ist aber trotzdem da.

Ein Schwimmmeister muss auch Techniker sein.

"Er gibt einem das Gefühl, dass es hier sicher ist", sagt Monika Leimbach aus Holzhausen über Chwalek. Die 65-Jährige kommt seit 35 Jahren zum Schwimmen. Jeden Freitag trifft sie sich mit ihren Freundinnen hier. Obwohl ihre Tochter längst in Köln lebt, haben deren Kinder das Seepferdchen in Immenhausen bei Chwalek gemacht. "Er ist immer nett und übersieht einen nie", sagt Leimbach - nicht einmal ihren Mann Theo, der einst einer der besten deutschen Hindernisläufer war und nun ab und an zum Aquajogging nach Immenhausen kommt.

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Wenn man mit Chwalek durchs Bad und über das Gelände geht, sieht es aus, als würde er alle kennen. Er grüßt jeden, auch die Leute, die zum ersten Mal da sind. Ein Teenager, der manchmal doch vom Beckenrand springt, obwohl es verboten ist, sagt: "Ich höre immer auf ihn, wenn er was sagt." Eine Besucherin erzählt, wie Chwalek einmal neben ihr ein Kind aus dem Wasser fischte und vor dem Ertrinken rettete. Die Mutter hatte es gar nicht mitbekommen. Ein Schwimmmeister muss schnell sein wie die Polizei und manchmal auch so streng. Einmal hörte Chwalek, wie zwei Teenagerinnen zu einigen Jungs in der Nähe riefen: "Lasst das!" Als er hinging, sah er, dass die Jugendlichen die Mädchen mit Unterwasserkameras filmten. Er hat die Bilder sofort löschen lassen. Auch da gab es keine Diskussionen.

Anders als in anderen Bädern sind Smartphones in Immenhausen nicht verboten. Es ist halt nicht das Columbiabad in Berlin, das als berüchtigstes Freibad Deutschlands gilt. "Messer, Prügel, Polizeieinsätze", titelte die Presse. Dagegen herrscht im Reinhardswald noch Friede, Freude, Eierkuchen. An einem heißen Julitag kommen vielleicht 500 Besucher. Der Saisonrekord im Kasseler Auebad liegt bei 6000 Gästen. Auch deswegen fahren manche lieber nach Immenhausen. Eine Kasselerin, die zweimal in der Woche hier ist, warnt den Journalisten: "Machen Sie bloß nicht zu viel Reklame. Sonst ist es hier bald auch so voll."

Ein anderer sagt: "Es sind weniger Kanacken hier als im Auebad." Der Satz ist alles anderes als politisch korrekt. Aber der junge Mann klingt nicht wie die Wutbürger von der Straße. Und wer einmal einen Nachmittag mit vielen männlichen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft, die unter Testosteronüberschuss leiden, in einem Freibad verbracht hat, weiß, dass dies Konflikte nach sich zieht.

Das weitaus größere Problem sind indes die Kinder, die nicht mehr richtig schwimmen können. Laut DLRG ist das jeder zweite Grundschüler. Chwalek macht dafür auch die Spaßbäder verantwortlich, in denen man planschen und rutschen, aber oft gar nicht richtig schwimmen kann: "Denen geht es nur um Besucherzahlen."

2010 wurde das Bad für 1,3 Millionen Euro saniert.

Abends um acht, wenn alle Gäste wieder weg sind, spritzt Chwalek die Fliesen ab. Am nächsten Morgen schaut er wieder nach dem eigenen Blockheizkraftwerk, das so viel Strom produziert, dass sogar Energie für das EAM-Netz übrig bleibt. Und er geht mit dem Schraubenschlüssel durchs Bad, weil immer etwas zu reparieren ist. In der anderen Hand das Telefon, weil ständig ein Anrufer wissen will, wie lang heute auf ist. Chwalek ist auch eine Mensch gewordene Internetseite. So geht das bis in den späten Herbst. Im Sommer, wenn alle anderen Urlaub haben, arbeitet er durch. Früher haben seine Kinder darüber gemeckert - bis die Familie ihren Sommer einfach im Herbst nachgeholt hat und auf die Kanaren flog.

Das werden die Chwaleks auch dieses Jahr wieder so machen. Und Thomas Chwalek wird dann daran denken, dass er vor mehr als einem Vierteljahrhundert nur in den Beruf hineingerutscht ist. Heute sagt er: "Es ist mein Traumberuf."

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