Schäfer Köster hat viel zu tun

Schertag in Sielen: 300 Schafe verlieren ihre Wolle

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Harte Arbeit: Auch die Kopf- und Halspartie muss freigeschnitten werden, eben so wie es hier Rolf Zahn macht.

Während die Maschinen surren, überragt ein Geräusch die Szenerie: Es ist das aufgeregte, nervöse Blöken der Schafe, denn heute ist Schertag bei der Herde von Thomas Köster.

Dafür hat der Jungschäfer seine Herde auf eine Wiese bei Sielen getrieben. Dass die 300 Tiere aus ihrem Alltagstrott gerissen wurden, sie abgetrennt voneinander ausharren müssen und wohl ahnen, dass ihnen gleich auf die Pelle gerückt wird, ist nur ein Grund für die Unruhe.

Runter mit der Wolle: Rolf Zahn und Arno Hoyer (von links) schoren diese Woche bei Sielen 300 Schafe. Die beiden sind hauptberufliche Schafscherer. Die Herde gehört Thomas Köster aus Friedrichsfeld.

„Hinzu kommt, dass einige der Lämmer nun von den Muttertieren getrennt wurden – durch das ständige Blöken kommunizieren sie miteinander, bleiben so in Kontakt“, sagt der 27-jährige Schäfer aus Friedrichsfeld. Genau deshalb hat Scherer Arno Hoyer auch ein stabiles Radio mit dabei: „Das laute Mäh, mäh, mäh geht einem irgendwann auf den Geist – da hilft nur Musik“, meint er, und bedenkt man, dass er seit 45 Jahren die Tiere von der Wolle befreit, kann man das auch verstehen.

Dass ausgerechnet jetzt Grönemeyers „Was soll das“ über die Wiese tönt, Sätze wie „Womit hab ich das verdient?“ zu hören sind, mag man fast als Sprachrohr der geplagten Schafe sehen.

Mag nicht zum Friseur gehen: Ab und zu musste Schäfer Thomas Köster ein Schaf festhalten, da diese auch gerne mal wild umhertreten während des Scherens, welches hier Arno Hoyer vornimmt.

Eine Keulerei ist das Scheren, müssen die 60 bis 80 Kilo schweren Tiere doch nicht nur im Zaum gehalten, sondern auch in die entsprechenden Positionen gebracht werden. So kommen neben der freien Hand auch die Beine zum Einsatz, um die nicht selten strampelnden Schafe in eine ruhige Position zu bringen.

Erfahren: Seit seinem 14. Lebensjahr schert Arno Hoyer Schafe. Auch wenn es ein Knochenjob ist, so lässt er sich seine gute Laune beim Scheren nicht von widerspenstigen Schafen verderben.

„Natürlich bekommt man auch mal einen Tritt ab und einige haben schon Zähne verloren.“ Deshalb seien Ruhe, Gelassenheit und die Liebe zum Tier enorm wichtig, denn das würde sich übertragen, weiß der Sachsen-Anhalter. Je nachdem schert er zwischen 15 und 20 Tiere pro Stunde, an einem Tag bis zu 150. Damit es zügig vorangeht, hat Hoyer einen erfahrenen Kollegen zum Scheren mitgebracht und noch einen weiteren, der die Tiere aufsetzt.

Mit festem Griff unter dem Kopf und am Schwanz greift er in die Wolle und packt sie mit Schwung auf den Friseur- oder besser gesagt Scherstuhl. „Da Schafe im 270 Grad Winkel sehen und scheu sind, ist es gar nicht so einfach sie einzufangen“, erklärt der Herdenbesitzer, der bekennender Weise froh ist, wenn die zweitägige Prozedur vorüber ist.

Wolle lassen: Während einige schon beim Scherer waren warteten noch andere auf die Prozedur.

Flink und gekonnt gehen die Scherer bei ihrer Tätigkeit vor, rasieren erst den Rücken kahl, dann folgen Hals, Kopf, rechter Beinbereich, Bauch und schließlich die noch fehlenden Beine. Hin und wieder gibt Hoyer ein mahnendes „Fräulein“ von sich und beordert den Aufsetzer, die Beine festzuhalten, wenn sein tierischer Kunde es zu bunt treibt.

Knapp vier Kilo Wolle kommen von jedem Schaf runter. „Die bekommt ein Händler, der einem dafür so wenig gibt, dass ich nicht mal das Scheren davon finanzieren kann“, sagt Köster. Der schaut übrigens genau, wann die Zeit gut fürs Wollelassen ist, denn vor Kälte sind die Tiere nun erst mal nicht geschützt. „Und auch zu viel Sonne ist in den ersten Tagen ein Problem.“

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