Tag des Handwerks

Orgelbau in Trendelburg: Klangriesen aus dem Königreich

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Der Chef arbeitet immer mit: Orgelbaumeister Markus Krawinkel dokumentiert das Pfeifenwerk. Neben den handwerklichen Arbeiten muss beim Restaurieren von Orgeln auch vieles schriftlich festgehalten werden.

In Zeiten, wo Kirchengemeinden den Euro zweimal rumdrehen, haben es auch die Orgelbauer nicht leicht. Deshalb steht für Markus Krawinkel fest, dass er mit seiner Firma auf keinen Fall expandieren möchte. Wir besuchten den Handwerksbetrieb in Deisel, kamen mit dem jungen Firmenchef ins Gespräch.

Eben weil die Kirchen sparsam sein müssen, werden nur noch selten neue Orgeln gebaut. „Unser Hauptbetätigungsfeld ist daher das Restaurieren alter Orgeln, wobei wir uns auf englische spezialisiert haben“, berichtet der 33-Jährige, der vor knapp fünf Jahren den Meisterbetrieb von seinem Vater übernahm. Für die Klangriesen aus dem Königreich hatte sich schon der Senior aus verschiedenen Gründen entschieden: Einerseits gebe es dort wegen häufiger Kirchenschließungen ein breites Angebot, andererseits verfügten gerade die englischen Instrumente über einen sehr angenehmen, warmen Klang. Kurz: „Sie klingen kräftig, aber tun niemals weh“, sagt Markus Krawinkel und meint damit schrill-grelle Tonlagen. Sie hörten sich halt so an, wie es dem deutschen Ohr gefällt.

Drei bis vier Orgeln pro Jahr restauriert

Da eine Orgel eine recht komplexe Sache ist, betrachtet man allein das Pfeifenwerk, die Windladen und die Register. So dauert es in der Regel viele Monate, bis eine überarbeitet ist. Drei bis vier restaurieren wir pro Jahr, erklärt der Chef. Für wie viel Geld diese dann weiterverkauft wird, hängt von den Registern ab, also den kleinen Griffen, die der Organist während des Spiels betätigt und so Flöten-, Harfen- oder Trompetentöne imitiert. „Ein Register liegt zwischen 15 000 und 20 000 Euro, eine mittelgroße Orgel hat ungefähr 30 davon, sodass wir da schon im Bereich eines luxuriösen Einfamilienhauses liegen.“ Neben der Aufarbeitung der alten Schätzchen gehört auch Orgelpflege zum täglichen Brot der Orgelbauer. Vom Kreisteil Hofgeismar bis hoch nach Skandinavien betreut die Meisterwerkstatt Orgeln, reinigt und stimmt diese jährlich.

Handwerk vereint mehr als zehn Berufsgruppen

Wer mit der „Königin aller Instrumente“, wie Mozart einst die Orgel bezeichnete, arbeiten möchte, muss nicht unbedingt ein Hörwunder sein. „Das ergibt sich von ganz allein im Berufsalltag, mit der Zeit schult man sein Gehör, erkennt immer besser die feinen Unterschiede und das kann bisher keine Maschine ersetzen“, ergänzt Orgelbaumeister Michael Biehl, einer von zehn Mitarbeitern, die mit den beiden Krawinkels und vier Auszubildenden den 16 köpfigen Mitarbeiterstamm bilden. Interessant ist das Handwerk vor allem, weil es mehr als zehn Berufsgruppen vereint: Von der Holz- und Metallverarbeitung über Elektrik bis hin zu Musik, Gestaltung und Architektur. So kann man an diesem Nachmittag den einen beim Aufbau eines hundert Jahre alten Gehäuses beobachten, während andere Pfeifen überarbeiten, das Leder an den Registern auswechseln oder die hochwertige Tastatur aus Knochen reparieren.

Vielseitiger Beruf: Christoph Schneider ist gerade mit der Windlade beschäftigt.

Übrigens steht der Orgelbau auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Da jede Orgel ein Unikat ist, für deren Fertigung man spezialisiertes Wissen und besondere Fähigkeiten benötigt, wurde dem Handwerk diese Auszeichnung zuteil, eine „über die man sich zwar freut, aber von der man im Alltag nicht viel merkt“, meint Orgelbaumeister Biehl.

Zur Person

Markus Krawinkel half schon in seiner Jugend im elterlichen Orgelbaubetrieb in den Ferien mit. Seine Berufslaufbahn begann er mit einer Ausbildung zum elektrotechnischen Assistenten. Darauf folgte die Lehrzeit im Orgelbau in Mittelfranken, die er mit der Prüfung zum Orgel- und Harmonieumbaumeister abschloss. 2015 übernahm er den Betrieb, in welchem Gründer Elmar Krawinkel auch noch immer mitarbeitet. In seiner Freizeit geht der Deiseler am liebsten Fliegenfischen.

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