Trockenheit sorgt für Probleme

Reinhardswald: Im Boden wird das Wasser knapp

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In ihrem Oberlauf bildet die Holzape derzeit nur noch ein dünnes Rinnsal: Förster Michael Heyer steht auf Kies und Steinen, die in früheren Jahren vom Bach überspült waren.

Er ist Naturwald, Wirtschaftswald, Lebensraum für Tiere, Jagdrevier und Erholungswald. Zudem ist der Reinhardswald ein riesiger Wasserspeicher. Tausende Menschen beziehen aus seinen Quellen ihr Trinkwasser. Das lebenswichtige Wasser wird jedoch immer weniger.

Michael Heyer ist besorgt. Wenn der Förster im Revier Waldhaus in diesen Tagen an den Oberlauf der Holzape tritt, dann ist das Bachbett nur noch spärlich gefüllt. Die vom Wasser in Jahrtausenden glatt geschliffenen Steine und Kiesel liegen frei. Nur noch ein Rinnsal schlängelt sich seitwärts an ihnen vorbei. „In früheren Jahren füllte die Holzape fast das ganze Jahr über ihr Bett komplett aus“, sagt Heyer. Doch seit dem vergangenen Sommer ist der Diemelzufluss unterhalb seines Quellbereichs fast leer.

Dass das Oberflächenwasser im Reinhardswald immer weniger wird, beobachten Förster wie Heyer auch an anderen Bächen und Teichen im Wald. Und vor allem an den Bäumen. Unterhalb des Udenhäuser Stocks, wo Stürme die Fichten umgelegt und Borkenkäfer sie totgefressen haben, leidet inzwischen auch die heimische Buche unter Wassermangel. Beim Durchgang durch den Wald weist Heyer immer wieder auf Areale, auf denen um 100 Jahre alte Buchen ihre an den Enden laubfreien Äste wie Mahnmale in den Himmel recken. „Und selbst die Birke als Pionierbaum stirbt“, sagt Heyer.

Wald hat sich noch nicht von der Dürre erholt

In früheren Jahren galt der Reinhardswald als niederschlagsreich. Bis zu 850 Millimeter pro Quadratmeter fielen im Jahresverlauf. Doch die noch nachwirkende Dürre aus 2018 sowie das Niederschlagsdefizit dieses Jahres haben den Wasserspeicher der Waldböden bis ein Meter Tiefe noch nicht wieder aufgefüllt.

Die flachwurzelnde Fichte hatte da kaum noch eine Chance. „Für die Grundwasserneubildung bedeutet das, dass auch kein Überschusswasser mehr in tiefere Bodenschichten versickern kann und die Grundwasserspeicher wieder auffüllt“, erläutert Klemens Kahle, Sprecher des Forstamtes Reinhardshagen. Wenn sich trockene Jahre künftig häufen sollten, hätte dies auch Auswirkungen auf das gesamte Trinkwasserdargebot im Reinhardswald, befürchten Kahle und Heyer.

Trinkwasserversorgung ist sichergestellt

Noch aber ist es zum Glück nicht so weit. „Wir haben noch kein Problem, ausreichend Trinkwasser zu liefern“, sagt Bernhard Dierkes, Wassermeister der Stadt Trendelburg. Die drei Brunnen der Stadt liegen alle im Reinhardswald und liefern durchschnittlich 2100 Kubikmeter Trinkwasser am Tag. An heißen Tagen, wie dieses Jahr im Juli, wenn viel geduscht wird und die Gärten bewässert werden, können es bis zu 2800 Kubikmeter sein. Rund 70 Prozent dieser Mengen liefert Trendelburg an die westfälische Nachbarstadt Borgentreich.

Gefördert wird das Wasser aus Brunnen, die bis in Tiefen von 50 bis 150 Meter gebohrt worden sind. „Das ist sehr altes Wasser, das wir heute fördern“, sagt Dierkes, es habe sich über Jahrhunderte gebildet. Ob der Grundwasserbildungsprozess unter den heutigen klimatischen Bedingungen so weiter laufen wird, da ist auch Dierkes skeptisch.

Auch die Qualität könnte sich verschlechtern

Auf längere Sicht könnte das sich ausbreitende Waldsterben Auswirkungen nicht nur auf das Wasserdargebot, sondern auch auf die Wasserqualität haben. Denn es ist gerade der gesunde Mischwald, der ideale Bedingungen bietet, hochwertiges Trinkwasser zu filtern und zu speichern. Klemens Kahle erklärt, wie das funktioniert: Niederschläge, die den Waldboden erreichen, reagieren mit dem Humus und den Mineralien im Boden. Dadurch werden Schmutzpartikel abgespalten und unschädlich gemacht. Lockerer Waldboden filtert das Wasser mechanisch wie ein Schwamm. Pilze, Bodenorganismen und Wurzeln nehmen die Nährstoffe aus dem Wasser auf und entziehen so dem Boden Nitrate. Übrig bleibt reines Grundwasser.

Nicht nur die Förster hoffen, dass dieser Kreislauf durch das Waldsterben nicht irreversibel gestört wird. Und sich bald wieder gesunder Mischwald entwickelt.

Reinhardswald-Wasser für 50 000 Menschen

Mit Wasser aus dem Reinhardswald werden neun Kommunen der Region mit insgesamt rund 50 000 Einwohnern beliefert. Reinhardswaldwasser versorgt auch Bewohner von Ortsteilen der Stadt Beverungen sowie die Stadt Borgentreich in NRW. Etwa 45 Prozent des Reinhardswaldes liegen in Trinkwasserschutzgebieten, rund 800 Hektar davon in der Schutzgebietszone I. 

Bei 800 bis 850 Millimeter Jahresniederschlägen und günstigen hydrogeologischen Voraussetzungen verfügt der Reinhardswald normalerweise über eine hohe Grundwasserneubildungsrate von 4,9 Liter pro Sekunde und Quadratkilometer. Das nutzbare Grundwasserdargebot liegt bei 31,5 Millionen Kubikmeter im Jahr. (Zahlenangaben aus Geologisches Jahrbuch Hessen 2002, Seite 27 ff). 

Nach Angaben des Forstamtes Reinhardshagen verdunsten etwa 20 Prozent des Niederschlages auf den Blättern, Nadeln und Zweigen der Bäume. Etwas unter zehn Prozent verdunsten am Waldboden. Für den Bodenspeicher, die Tiefenversickerung und den Oberflächenabfluss werden vom Jahresniederschlag über ein Drittel verbraucht.

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Kommentare

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wo sind denn jetzt die, die am lautesten gegen die waldnutzung protestieren? bitte keine windkraft, aber wenns nur wasser ist, dann ists mir egal? offenbar scheint wasser ein sehr abstraktes problem zu sein.

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