Der Urologe und das Virus

Arzt aus Trendelburg ist Star für Coronaskeptiker und Verschwörungstheoretiker

+
Mit Arztkittel gegen den „Coronaschwindel““: Dr. Jens Bengen, Facharzt für Urologie, behauptet, die Coronakrise sei von Regierungen und Medien herbeifantasiert worden. 

Er ist Arzt und hat mit einem Virus sein Thema gefunden. Im Netz folgen ihm mehr als 30.000 Menschen. Eine Geschichte über einen Mann, der sich als Verbreiter der Wahrheit sieht.

Dort hat Dr. Jens Bengen ein Blanko-Attest veröffentlicht, das von der Maskenpflicht befreien soll. Deutschland hält er für besetzt, die Regierung für ein Regime.

Der Arzt

Dr. Jens Bengen ist Urologe. Derzeit beschäftigt er sich vor allem mit dem, was eher in das Fachgebiet von Virologen fällt: Covid-19. Vor Kurzem hatte er unserer Zeitung seine Expertise dazu angeboten – als nicht abhängig beschäftigter Arzt. Bei der Landesärztekammer ist Bengen als Arzt gelistet, eine Praxis betreibt er nach Recherchen unserer Zeitung nicht.In einem Video auf Youtube sagt Bengen, er habe sich im Sommer 2019 von der Schulmedizin verabschiedet.

Beim Nachrichtendienst Telegram gibt es im „Dr. med. Jens Bengen Trendelburg - Schwert der Wahrheit - Fankanal“, bei dem Bengen nach eigenen Angaben keine Administratorenrechte hat, einen Artikel, in dem es um seine Tätigkeit als Urologe im Medizinischen Versorgungszentrum Hofgeismar geht. Von der Geschäftsführung des Klinikums Hann. Münden, zu dem das MVZ gehört, heißt es: „Herr Dr. Jens Bengen war bei uns bis zum Ende des letzten Jahres im MVZ Hofgeismar sowie am Klinikum Hann. Münden beschäftigt.“ Sprich: Er ist dort nicht mehr tätig.

Das Attest

In einem Internetvideo sitzt Bengen im Arztkittel vor einem Bücherregal, spricht von der „angeblichen Corona-Pandemie“ und bietet zum Herunterladen ein Attest an, das man überall vorzeigen könne, wo Maskenpflicht herrsche.Darauf stehen seine Anschrift mit Adresse in Trendelburg, seine Unterschrift und: „Hiermit bestätige ich, dass das Tragen eines Mundschutzes für o.g. Person aus medizinischen Gründen nicht ratsam ist. Mit freundlichen Grüßen, Dr. med. Jens Bengen.“ Man solle das Attest nicht zweckentfremden, sagt er im Video – dann verweist er auf seinen Youtube-Kanal und Infos zum „Corona-Hoax“. Das Wort Hoax steht für Schwindel. Der Link zu einem Attest ist oft geteilt worden: auch von Kritikern der Coronaregeln, Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern. Man findet das Papier mit wenigen Mausklicks.

Die Behörden

Hakt man bei der Landesärztekammer Hessen zu Bengens Attest nach, ist die Aussage klar: „Die Ausstellung von Blanko-Rezepten ist berufsrechtlich nicht akzeptabel“, sagt Präsident Dr. med. Edgar Pinkowski. Durch Heilberufsgerichte seien Ärzten in vergleichbaren Fällen Verweise erteilt worden. Das Hessische Sozialministerium sagt, man treffe zu Einzelfällen keine Aussage. „Erhalten wir Kenntnis, werden von uns die erforderlichen Schritte in die Wege geleitet“, teilt Vize-Pressesprecherin Isabelle Dollinger mit. „Das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse kann nach § 278 StGB mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Berufsrechtliche Schritte bleiben vorbehalten.“

Auch bei der Staatsanwaltschaft Kassel gibt man zu Einzelfällen keine Auskunft. Grundsätzlich gilt laut Sprecher Andreas Thöne: Würde den Ermittlungsbehörden ein vergleichbarer Sachverhalt zur Kenntnis gelangen, dann wäre hier ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts des Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse einzuleiten.

Der Youtuber

Ungeachtet möglicher berufsethischer und rechtlicher Bedenken stößt Dr. Jens Bengen im Internet auf großes Interesse. Auf Telegram gibt es den Fan- und seinen offiziellen Kanal, zusammen haben sie 13 000 Mitglieder. Am 21. April erst hat er sein erstes Video auf Youtube hochgeladen, mittlerweile habendort 23 000 Menschen seinen Kanal „Schwert der Wahrheit“ abonniert. Seine Videos tragen Titel wie „Corona Hoax 2: Tacheles“, darunter steht die Beschreibung: „Worum geht es bei dieser globalen ‘Megakrise’, die von Medien, von diesen Medien abhängigen Politikern und mächtigen Interessenverbänden herbeifantasiert wird?“

Bengen, der sich im Netz als Impfgegner zeigt, fabuliert in seinem aktuellen Video „Deutscher Hilferuf! An D. Trump, V. Putin, die Völker der Welt“ davon, dass in den USA nach dem, so wörtlich, „angeblichen Mord“ an dem dunkelhäutigen George Floyd das Establishment versuche, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen, um Donald Trump zu stoppen – denn gegen den würde man eine Wahl verlieren.

Weitere Beispiele für Bengens Denkweise: Deutschland sei noch besetzt, das „BRD-Regime“ ein Verwaltungskonstrukt im Auftrag der alliierten Siegermächte. „Wir müssen raus aus diesem System“, sagt er. Dann würden sich allgemeiner Wohlstand und eine „Heilung der Natur“ einstellen.

Die Symbole

In Bengens Videos tauchen wiederholt Symbole auf. Mal eine Mütze mit dem Trump-Slogan „Keep America great!“, mal der Buchstabe Q – das Zeichen der Qanon-Bewegung, die im Netz Verschwörungstheorien verbreitet. Wiederholt blitzt unter der Strickjacke des Arztes der Kopf eines Reichadlers hervor. Dieser wird auch von selbst ernannten „Reichsbürgern“ verwendet, die laut Verfassungsschutz „die Existenz der Bundesrepublik Deutschland und deren Rechtssystem ablehnen“.

Die Gleichgesinnten

„Wir sind ja die, die es immer schon wussten, die unsere Jobs und unserer Reputation verloren haben“, sagt Jens Bengen in einem seiner Videos. Von seinen Youtube-Abonnenten wird er als einer gefeiert, der endlich mal die Wahrheit sage. Und der die Lügen der anderen benenne: „Es wird Zeit dass jeder Einzelne dieser Teufelsbrut zur Rechenschaft gezogen wird!!!“, kommentiert eine Frau unter einem Video.

Die Anderen

Die anderen, das sind zum Beispiel das Robert-Koch-Institut, die Politik, der viel in den Medien präsente Virologe Christian Drosten – sie würden vorsätzlich lügen, verbreitet Urologe Bengen über Youtube. Sein Weltbild dort sieht in etwa so aus: Wir lebten in einer „Ochlokratie“ (Herrschaft des Pöbels), es laufe gerade ein vorsätzlicher „totalitärer Coup“ durch die Regierung, man begegne derzeit „Adolf Hitler 2.0“. Und ja, irgendwann habe er auch mal begriffen, dass mit der Geschichte der Anschläge vom 11. September 2001 etwas „oberfaul“ gewesen sei.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben Herrn Dr. Bengen mehrfach um Stellungnahme zu dem Attest und seinen Internetveröffentlichungen gebeten. Bis Redaktionsschluss hat er unsere Fragen nicht beantwortet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.