Trendelburger rettet Flüchtlinge im Meer

Viel Erfahrung: Reinhard Schmitz aus Trendelburg hat schon viel Zeit auf dem Meer verbracht. Jetzt nutzt er sein Können, um mit der Organisation MS Sea-Watch Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Foto: privat

Trendelburg. Als Reinhard Schmitz aus Trendelburg in diesem Sommer mit der Fähre übers Mittelmeer fuhr, fühlte er sich erst wie im Paradies. Doch dann änderte sich das schlagartig.

„Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich gerade über ein riesiges Massengrab fahre, in dem ungezählte Flüchtlinge ertrunken sind. Das ist eine menschliche Katastrophe“, sagt der 63-Jährige.

Dieses Bewusstsein und ein Fernsehbericht, in dem es um die private Organisation „Sea-Watch - Seenotrettung für Geflüchtete im Mittelmeer“ ging, hat Schmitz zu seinem Vorhaben gebracht: Er wird am 12. September nach Lampedusa fliegen, als Schiffsführer auf die MS Sea-Watch gehen und mit einer Crew zwischen Lampedusa und der libyschen Küste patrouillieren, um Flüchtlingen in Not Ersthilfe zu leisten. „Wenn wir ein Boot mit Flüchtlingen sehen, veranlassen wir die Rettung durch die zuständigen Behörden“, erklärt Schmitz. „Wir können die Menschen selbst nicht aus dem Meer holen, da unser Schiff dafür viel zu klein ist.“ Außerdem könne die Crew so effizienter arbeiten. „Die Flüchtlinge aufs Land zu bringen, würde viel zu lange dauern.“

Flüchtlingsboote im Mittelmeer sind immer überladen und in einem schlechten Zustand, sodass von Seenot ausgegangen werden muss. Sobald die Crew ein solches Boot antrifft, versorgen sie die Menschen mit Trinkwasser, Rettungswesten, leisten so weit es geht medizinische Hilfe und melden einen internationalen Seenotfall. Dann müssen alle Schiffe zur Hilfe kommen, die sich in der Nähe aufhalten.

„Ich weiß, dass der Einsatz extrem anstrengend wird und wir Dinge sehen werden, die wir besser nicht sehen sollten“, sagt Schmitz. „Jeder auf dem Schiff wird an seine Grenzen gehen müssen. Doch es ist immer besser, etwas zu tun, als zu sagen, ich traue mir das nicht zu.“

Schmitz ist gelernter Maschinenbauingenieur. Mit 46 Jahren hat er sich selbstständig gemacht und sein Leben damit völlig geändert. „Ich habe einen Sporthochseeschifferschein gemacht und Segelreisen unter anderem in der Arktis, Grönland und Island angeboten“, erzählt er. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Vor zwei Jahren hat er sein Unternehmen verkauft. „Die Stürme nehmen zu und werden immer heftiger. Außerdem habe ich vor einigen Jahren einen Todesfall auf dem Meer erlebt“, sagt er. Durch den Verkauf sei er jetzt frei für Projekte wie die ehrenamtliche Flüchtlingsrettung auf der MS Sea-Watch. „Ich kann dieses Leid nicht mehr ertragen“, sagt Schmitz. „Alle wissen, dass zurzeit etliche Menschen im Mittelmeer ertrinken und keiner tut etwas dagegen. Ich muss jetzt dahin, wo die Unglücke passieren.“

Hintergrund:

Sea-Watch ist eine private Initiative, die eine zivile Seenotrettung aufgebaut hat. Dazu wurde ein Schiff gekauft und umgebaut. Die MS Sea-Watch ist vorerst von Juni bis Mitte Oktober dieses Jahres im Mittelmeer unterwegs. Danach wird das Projekt eventuell verlängert.

Die Basisstation befindet sich auf Lampedusa. Als Anlaufstelle für Crew-Mitglieder und Helfer dienen zwei gemietete Häuser vor Ort. Die wechselnden Crews bestehen aus sechs bis acht Mitgliedern, darunter Skipper, Ärzte, Mechaniker und Funker. Ein Einsatz dauert etwa zwei Wochen. Die Schlüsselposition hat der Kapitän inne, der auch die seemännische Verantwortung übernimmt und alle notwendigen Entscheidungen trifft.

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