Mit 82 Jahren in den Ruhestand

Wilfried Häsing aus Gottsbüren hört nach 60 Jahren Selbstständigkeit auf

Winfried Häsing steht vor seinem Bagger.
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Sechs Jahrzehnte auf dem Bagger: Winfried Häsing hat die Arbeit mit seinem Bagger geliebt.

60 Jahre war die Fahrerkabine seines Baggers so etwas wie sein zweites Zuhause. Nun gab der Gottsbürer seine Selbstständigkeit auf und ging in den wohlverdienten Ruhestand.

Gottsbüren - Bis zu zehn Stunden pro Tag und nicht selten an sechs Tage in der Woche hat Winfried Häsing während seines Berufslebens auf seiner Baumaschine verbracht. „Ich bin sicher, dass ich bis vor Kurzem der älteste Selbstständige Nordhessens war“, erklärt der Bauunternehmer. So schnell mache ich auch keiner seine 60-jährige Selbstständigkeit nach.

Das liegt unter anderem auch daran, dass der 82-Jährige einen weiteren Superlativ zu bieten hat, war er doch nach eigener Aussage 1961 – als er mit 22 Jahren das Baugeschäft seines Vaters übernahm – der jüngste Selbstständige Deutschlands. Bis vor einem Jahr hat der Ruheständler noch Gas gegeben: Er hat mit Bagger und Raupe Wege bearbeitet, Gruben ausgehoben und „am liebsten Häuser eingerissen“.

Seit einigen Monaten allerdings habe er es ruhiger angehen lassen, nur noch drei- bis viermal die Woche gearbeitet und sich langsam vom Arbeitsleben verabschiedet. Dass ihm seine Arbeit stets Freude bereitet hat, wird klar, wenn er davon erzählt: „Im Sommer ist es kühl und im Winter schön warm in der Fahrerkabine. Ich habe immer lockere Musik laufen und natürlich auch eine Stulle dabei – was will man mehr?“

Wenn Häsing im Kreisteil Hofgeismar unterwegs ist, wird er an vielen Stellen an seine Arbeit erinnert – und zwar nicht nur in den Wohngebieten, sondern auch im Wald. „Seit mehr als 50 Jahren habe ich für Hessen-Forst Wege gebaut. Deshalb kenne ich mich gut im Reinhardswald aus“, berichtet der Unternehmer. Anfang der 80er Jahre hatte er von einem 20-Mann-Betrieb auf Ein-Mann-Betrieb umgestellt. Seinerzeit sei er zu sehr ins Minus gerutscht und habe daher alles ändern müssen, erläutert er.

Mehrere Dutzend Einfamilienhäuser, aber auch eine riesige Wohnanlage oder Siedlungshöfe entstanden in den Anfangsjahren des Gottsbürers. Als „Einzelkämpfer“ übernahm er später vor allem Abrissarbeiten, Wegebau und Zuarbeiten für Glasfaserverlegung. Dass damit nun endgültig Schluss sein soll, vermag man dem rüstigen Baggerfahrer kaum abzunehmen. „Falls mal Not am Mann ist, würde ich jederzeit aushelfen, etwa Urlaubsvertretung machen“, meint Häsing. Damit spielt er auf den Beverunger Betrieb an, der seine 150-PS-Maschine übernommen hat.

Dass er sich relativ kurzfristig zum Abschied aus seinem Berufsleben entschlossen hat, ist schnell erklärt: „Ich hatte einfach ein gutes Angebot für meinen Bagger und meine Halle. Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein.“ In nächster Zeit will er erst einmal Urlaub machen, weiterhin zur Jagd gehen und die restliche Zeit „wie all die anderen auch einfach mal faulenzen“.

Das war bislang kaum der Fall, wenn man seinen Erzählungen folgt: „Pausen habe ich nie aufschreiben müssen, denn die gab es bei mir nicht. Mein Brot habe ich einfach nebenher gegessen.“

Viele Jahrzehnte hat Häsings Ehefrau Rosemarie sein berufliches Schaffen begleitet. Lange hat sie die Büroarbeit übernommen. „In den letzten Jahren war das nicht mehr vonnöten, da habe ich alles selbst gemacht“, erzählt Häsing, der drei Söhne hat. Schmunzeln muss der Senior, wenn er von seinem mittleren Sohn berichtet, der mit 56 Jahren tatsächlich vor ihm in den Ruhestand wechselte. Dass keiner seiner Nachkommen den Betrieb weiterführt, bedauert er nicht. Es sei eben eine Arbeit, für die man geboren sein müsse. (Tanja Temme)

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