Pfändungsfrist jetzt halbiert

Trotz Corona weniger private Insolvenzanträge bei Amtsgerichten in Hessen

Alle Hände voll zu tun: Schuldnerberater Christoph Freiburger rechnet bald mit noch mehr Arbeit.
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Alle Hände voll zu tun: Schuldnerberater Christoph Freiburger rechnet bald mit noch mehr Arbeit.

Die Zahl der Insolvenzanträge von Privatpersonen bei den hessischen Amtsgerichten war im vergangenen Jahr so niedrig wie schon lange nicht mehr.

Kreisteil Hofgeismar – Dieser Niedrigstand geht aus Zahlen hervor, die die hessische Landesregierung veröffentlichte. Danach wählten 2511 Männer und Frauen den Weg zum Insolvenzgericht, weil sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten. Im Jahr zuvor waren es über 3600.

Welle von Privatinsolvenzen kommt auf Gerichte zu

Der Rückschluss, dass es den Menschen in Coronazeiten wirtschaftlich besser geht als in der Vor-Coronazeit ist aber falsch. „Viele haben auf eine Gesetzesnovelle gewartet“, sagt Christoph Freiburger, Schuldnerberater bei der Diakonie in Hofgeismar. Die Folge werde sein, dass jetzt, da sie in Kraft ist, eine Welle von Privatinsolvenzen auf die zuständigen Gerichte zukommt. Erste Anzeichen seien bereits erkennbar.

Tatsächlich beschloss der Bundestag im Dezember, dass die Frist zur Schuldenbefreiung halbiert wird. Während dieser Wohlverhaltensperiode muss der Schuldner alle pfändbaren laufenden Einnahmen abtreten. Sechs Jahre dauerte diese Frist vor der Gesetzesänderung, jetzt ist der Betroffene nach drei Jahren von seiner Restschuld befreit (siehe Infokasten). „Das ist natürlich eine enorme Erleichterung, auf die viele gewartet haben“, sagt Freiburger. Nachdem die politische Diskussion für die breite Öffentlichkeit erkennbar eingesetzt hatte, sank die Zahl der Insolvenzanträge. Im September 2020 beispielsweise wurden nur halb so viele Anträge gestellt wie im Vorjahr.

Weniger Gelegenheiten Geld auszugeben wegen Corona

Doch es gibt noch andere Gründe für den Rückgang der Anträge. Banal ausgedrückt: Durch die Einschränkungen im Rahmen der Pandemiebekämpfung gab es weniger Gelegenheiten, Geld auszugeben. Die Zahl der Urlaubsfahrten sank, Kino oder Gastronomie waren monatelang geschlossen und auch der Einzelhandel musste schließen. Bei Anschaffungen und Konsum gab es deshalb einen Rückgang, fasst der Branchendienst Crifbürgel die wirtschaftliche Situation der Privathaushalte zusammen. Allerdings: Der Online-Handel boomte und veranlasste viele zu Spontankäufen. (Michael Rieß)

Restschuldbefreiung nach drei Jahren

Bis zum Jahr 1999 hatten hoch verschuldete Privatpersonen kaum die Möglichkeit, finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Das Einkommen oberhalb der Pfändungsgrenze wurde sofort an die Gläubiger weitergegeben, lebenslang. Das führte dazu, dass es sich für viele nicht mehr lohnte, zu arbeiten. 1999 wurde dann eine Frist von sechs Jahren eingeführt. Danach war der Schuldner von der Restschuld befreit. Diese Frist wurde nun auf drei Jahre reduziert.

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