Gewalt an Frauen

Verein Frauen helfen Frauen: "Wir nehmen Frauen so auf, wie sie kommen"

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Frauenberaterinnen: Karola Kemper-Larbig (links) und Regina Kusserow vom Verein „Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel“ halten die Beratungsstellen in Baunatal, Hofgeismar, Wolfhagen, Lohfelden und Niestetal offen. 

Nur ein Drittel des tatsächlichen Bedarfs an Plätzen in Frauenhäusern gibt es in Deutschland. Das beklagt auch der Verein Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel.

Vor einem Jahr trat die sogenannte Istanbul-Konvention des Europarates zum Schutz von Frauen vor Gewalt in Kraft. Damit verbundene Empfehlungen besagen, dass in Deutschland rund 21.000 Plätze in Frauenhäusern nötig wären. Vorhanden sind in den 350 deutschen Einrichtungen allerdings nur 7000 Plätze, also nur ein Drittel des tatsächlichen Bedarfs. Den Mangel beklagen auch Karola Kemper-Larbig und Regina Kusserow vom Verein Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel. Die beiden Frauen beraten von häuslicher Gewalt betroffene Frauen in der Zentralen Beratungsstelle für den Landkreis in Baunatal sowie in weiteren Stellen in Hofgeismar, Wolfhagen, Lohfelden und Niestetal.

Organisation des Alltags kompliziert

„Wir brauchen mehr Schutzplätze und mehr Personal“, sagt Karola Kemper-Larbig. Notwendig wäre ein Personalschlüssel von eins zu sechs. Derzeit können sich im Frauenhaus aber nur drei Mitarbeiterinnen in Teilzeit um die Zuflucht suchenden Frauen und ihre Kinder kümmern. 

Seit der Verabschiedung des Gewaltschutzgesetzes ist es für die Opfer häuslicher Gewalt leichter geworden, Zuflucht im Frauenhaus zu finden. Wenn auch der Schritt für Betroffene, ins Frauenhaus zu gehen, einfacher geworden ist, so ist die dann folgende Organisation des Alltags eher komplizierter geworden.

Zahlreiche Behördengänge und Gespräche mit Anwälten sind notwendig, um Unterhaltsansprüche anzumelden, Umgangsrechte der Väter für die Kinder zu regeln und den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. So müssen sich Frauen, die über kein eigenes Einkommen verfügen, umgehend beim Arbeitsamt oder im Jobcenter vorstellen. Zudem muss auch die Miete im Frauenhaus bezahlt werden. Kinder müssen neu in einem Kindergarten oder einer Schule angemeldet werden.

Betroffen leiden oftmals unter tiefen Traumata 

Bei Antragsstellungen, Behördengängen und finanziellen Angelegenheiten stehen die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus den Frauen mit Rat und Tat zur Seite. „Wir nehmen die Frauen so auf, wie sie kommen, und versuchen, ihnen wieder eine Perspektive zu vermitteln“, sagt Regina Kusserow. „Einen Hilfsplan aufs Auge drücken wir keiner Frau.“ Nicht alle, aber viele der Gewaltopfer, müssen erst wieder lernen, mit Geld umzugehen, Bankkonten einzurichten oder Unterhaltsvorschüsse zu beantragen.

Die Gewalterfahrungen lösen bei vielen Opfern tiefe Traumata aus, umso schwerer kann es dann fallen, sich um alltägliche, profane Dinge kümmern zu müssen. Es sind keine Einzelfälle, wenn Frauen nach einem mehrmonatigen Aufenthalt mit Schulden das Frauenhaus verlassen.

Gewalterfahrungen, die Frauen machen, lassen sich nicht auf die soziale Stellung einengen. „Zu uns kommen Frauen aus allen sozialen Schichten“, sagen Kusserow und Kemper-Larbig. Für das Frauenhaus spielt es deshalb keine Rolle, woher die Frauen kommen. „Wir nehmen sie so auf, wie sie kommen.“

Hintergrund: Finanzierung

Anders als beispielsweise in Schleswig-Holstein, wo das Land Frauenhäuser pauschal fördert, müssen sich hessische Einrichtungen aus verschiedenen Töpfen finanzieren. Das Frauenhaus im Landkreis erhält Geld aus dem kommunalisierten Sozialbudget des Landes, das in den letzten Jahren angehoben wurde. Aufgenommene Frauen zahlen knapp zwölf Euro täglich an Miete, das sind 363 Euro im Monat. Betreuungskosten rechnet der Verein über das Sozialamt (SGB 12) ab. Der Landkreis bezuschusst das Frauenhaus ebenso wie sechs Kommunen. Eine weitere Einnahmequelle sind Bußgelder und Spenden. Spendenkonto: "Frauenhaus, IBAN: DE725205 0353 0215 006129.

Kontakt

Frauenhaus, Tel. 0561/4910194, Email: frauenhaus-lk-kassel@t-online.de Zentrale Beratungsstelle Baunatal: 0561/4910434, Email: frauenberatung-lk-kassel@t-online.de

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