Naturschützer sprechen von "Gefälligkeitsgutachten" und erntet Widerspruch

Berichte über Windkraft im Reinhardswald: Vorwürfe gegen Regierungspräsidium

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Recherche zum Frontal-21-Bericht „Wald roden für Windkraft“: Zu Wort kam auch Gabriele Niehaus-Uebel von der Bürgerinitiative Oberweser-Bramwald.

Reinhardshagen/Kassel. Kritisch mit den Plänen für Windkraftanlagen im Reinhardswald haben sich am Dienstag das Politikmagazin „Frontal 21“ im ZDF sowie die Tageszeitung die „Welt“ auseinandergesetzt.

„Wald roden für Windkraft“ war der Beitrag in Frontal 21 überschrieben, „Grimms Märchenwelt wird Opfer der Energiewende“ lautete der Titel in der Welt. Autor beider Stücke ist der Journalist Güven Purtul.

In den Beiträgen kommen Windkraftkritiker, Naturschützer, Förster sowie die Sprecherin der Bürgerinitiative Oberweser-Bramwald, Gabriele Niehaus-Uebel, zu Wort. Mit Luftaufnahmen aus dem Kaufunger Wald, wo bereits mehrere Windkraftanlagen (WKA) installiert sind, wird dokumentiert, wie viel Fläche die Windräder einnehmen. 

Jochen Tamm, von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), kritisiert die Gutachten, die beim Regierungspräsidium Kassel zur Genehmigung von WKA vorgelegt werden müssen, als „Gefälligkeitsgutachten“. Denn diese würden von den Betreibern beauftragt und bezahlt. Tamm war selbst Mitarbeiter des RP. Dieses widerspricht den Darstellungen auf Anfrage. 

Niehaus-Uebel bezeichnet es als Katastrophe, dass die schwarz-grüne Landesregierung ausgerechnet in einem Waldgebiet WKA installieren will, das noch Lebensraum vieler Arten ist.

Der Reinhardswald ist für Detlef Ahlborn einer der „Hotspots der Biodiversität“. Und ausgerechnet „da klotzen wir ein Industriegebiet rein. “ Der Sprecher der Bürgerinitiative „Vernunftkraft“ findet im Frontal-21-Beitrag drastische Worte für das, was im Reinhardswald passieren soll. Ahlborn hat den Eindruck, dass alles, was im Naturschutz in den vergangenen Jahrzehnten getan wurde, „keinen Wert mehr hat“.

Ahlborn ist mit dieser Auffassung nicht allein. Ob BI-Sprecherin Gabriele Niehaus-Uebel, Vogelschützer Jochen Tamm oder der ehemalige Förster im Kaufunger Wald, Joachim Schäfer – sie alle können nicht verstehen, dass der einzigartige Reinhardswald für die Windkraft geopfert werden soll.

Nur Priska Hinz, Hessens grüne Umweltministerin, hält dagegen: Wenn wir mit Hilfe der Windkraft nicht gegen den Klimawandel angehen, dann haben wir in 50 Jahren keinen Wald mehr, den wir noch schützen könnten, lautet ihr Fazit - aufgenommen auf einem Bio-Markt in Witzenhausen.

Für Michael Conrad, Pressesprecher des Regierungspräsidiums Kassel, ist der Fernseh-Beitrag zu einseitig. „Aber wir haben auch nichts anderes erwartet“, sagt er. Der Beitrag strotze vor Fehlern und gravierenden Mängeln. So sei beispielsweise der fälschliche Eindruck erweckt worden, dass auch der Urwald Sababurg von den Windrädern beeinträchtigt werde.

Den im Film erhobenen Vorwurf, dass das RP Gefälligkeitsgutachten zur Grundlage von Genehmigungen mache, weist der Pressesprecher entschieden zurück. Da die Kollegen in der Oberen Naturschutzbehörde sich vor Ort selber gut auskennen und um die Besonderheiten der jeweilige Areale wüssten, „sind sie in der Lage, jedes Gutachten auf Plausibilität zu prüfen“. Dass die vorzulegenden Gutachten allerdings von denen beauftragt und bezahlt werden, die die Genehmigung beantragen, „ist doch selbstverständlich“, sagt Conrad und bemerkt: „Soll das etwa der Steuerzahler bezahlen?“

Der RP-Sprecher weist eindringlich darauf hin, dass nicht die Behörde die Windvorrangflächen ausgewiesen habe, wie es im ZDF-Beitrag unterstellt werde. „Das ist doch Sache der Politik“, sagt Conrad. „Die Regionalversammlung hat im Teilregionalplan Energie die Vorrangflächen für Nordhessen festgelegt.“ In dem Beitrag fehlten eine Menge Informationen, die diese Zusammenhänge hätten klar machen können.

Aufgabe des Regierungspräsidiums sei indes, Genehmigungen auf Grundlage der Gesetze zu erteilen oder eben nicht. „Wir brauchen keine Likes in den sozialen Medien“, sagt Conrad, „“für uns zählt, dass unsere Entscheidungen vor den Verwaltungsgerichten Bestand haben.“

Zum Thema Windkraft im Reinhardswald sagt der Pressesprecher: „Warum sollte hier nicht möglich sein, was im Kaufunger Wald schon möglich geworden ist.“

Den genannten Artikel der Zeitung Die Welt finden Sie hier

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