Ausstellung zeigt geheime Munitionsfabrik im Wald bei Lippoldsberg

Spurensuche: Hans-Georg Langer (Foto) hat mit Dr. Wolfgang Schäfer für die Ausstellung im Schäferhausmuseum viele Details über die frühere Munitionsfabrik zusammengetragen. Foto: Thiele

Wahlsburg. „Dies ist ein Staatsgeheimnis. Weitergabe nur verschlossen. Aufbewahrung unter gesichertem Verschluss", lautet der Stempel auf dem Lageplan des Werksgeländes der früheren Paraxol-Sprengstofffabrik.

Sie lag im Wald zwischen Lippoldsberg und Vernawahlshausen, wo sich heute das Klinikzentrum Lippoldsberg befindet - und eine Ausstellung im Schäferhausmuseum erinnert an dieses fast vergessene Kapitel Regionalgeschichte.

Über 70 Jahre später gibt es kaum noch Augenzeugen. Auf der hochgeheimen Baustelle mit 1200 Arbeitern in der Rohbauphase waren vor allem Fremdarbeiter und Fachkräfte von auswärts, aber auch Häftlinge tätig. Örtliche Gaststätten, Pensionen, Privathaushalte und auch heimische Baufirmen profitierten von dem Bauboom, weil die Arbeiter im Ort aßen, tranken, schliefen.

Sicherer Sprengstoff

Noch in den 1970er-Jahren vom Tal aus zu sehen: Einer der Bunker, hier kurz nach Sprengung.

Hans-Georg Langer, Chemotechniker im Ruhestand, befasste sich schon aus beruflichem Interesse mit Sprengstoffen und sammelte aus vielen Quellen Details über das Werk im Wald. Dort sollte Pentaerythrit (Paraxol) hergestellt werden, ein Grundstoff zur Herstellung eines Sprengstoffs für Granaten, der weniger empfindlich als etwa das verwandte Nitroglyzerin war und der Deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg zum Sieg verhelfen sollte. Das Werk wurde als Ersatzwerk für zwei baugleiche Anlagen bei Berlin und Schrobenhausen (Bayern) gebaut. Zur Erschließung wurden eine neue Straße über die Montanbrücke, eine Bahn-Verladeanlage bei Bodenfelde und Pumpstationen gebaut. 20 Gebäude sind noch erhalten, sie wurden nach dem Krieg umgebaut und zivil weitergenutzt, nur zwei sind noch weitgehend original. Die militärischen Teile wurden teilweise gesprengt.

Hans-Georg Langer sprudelt nur so vor Wissen über die technischen Details, die chemischen Verfahren, die Verbindungen zum Chemiewerk in Bodenfelde und die Folgen für die Region. Eigentlich, so weiß er, sollte das Werk am Wahmbecker Tunnel entstehen. In den Archiven gäbe es noch viel zu forschen. Auch Zeitzeugenberichte wären noch hilfreich. Die Denkmalpflege prüft derzeit eine Unterschutzstellung einiger Gebäude und die Gemeinde Wahlsburg würde es gerne touristisch nutzen.

Produktion nie richtig gestartet

1937: Beginn der Bauarbeiten, Geländeabsperrung.

1939: Paraxol GmbH gegründet als Tochter des Degussa-Konzerns, Rohbauten fertig, 1941 Produktionsanlagen fertig.

1944: 27 Tonnen Pentaerythrit im Test hergestellt.

Mai 1945: Demontagebeginn

1946: Land Hessen übernimmt Werkgelände. Unterkunft für Vertriebene.

1947: Sprengung der Methanolbunker. Umbau zur Lungenheilstätte.

1968: Ausbau zum Klinik und Rehazentrum.

1976: Bunker ist Drehort für die HR-„Tatort“-Folge "Flieder für Jacek".

2015: Denkmalschutzprüfung der Anlage. 

Ausstellung im Schäferhausmuseum Lippoldsberg, nahe Klosterkirche: Bis Oktober, sonntags 15 bis 18 Uhr.

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