Forstamt Reinhardshagen bringt Windkraftplanung  in die Diskussion

Spannende Diskussionen: Naturschutzverteidiger Herrmann-Josef Rapp, Energieversorger Lars Rotzsche und Forstamtsleiter Dr. Norbert Teuwsen (von links) standen Rede und Antwort. Foto: Kahle/nh
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Spannende Diskussionen: Naturschutzverteidiger Herrmann-Josef Rapp, Energieversorger Lars Rotzsche und Forstamtsleiter Dr. Norbert Teuwsen (von links) standen Rede und Antwort.

Reinhardshagen. Das Thema Windkraftanlagen im Reinharswald wirkte: Über 120 Gäste nahmen an den 38. Reinhardswaldkontakten teil, zu denen das Forstamt Reinhardshagen in den Reinhardswald eingeladen hatte.

Den Gästen aus Wirtschaf, Politik, Behörden und Gesellschaft aus der Nordspitze Hessens, darunter auch Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, erläuterten zwei Experten die technischen Aspekte einer Windkraftnutzung im Reinhardswald und die Perspektive des Naturschutzes.

Die Vorträge waren Stoff für rege Diskussionen. Fazit war die Sorge, dass die Landschaft erheblich durch die Windradgiganten beeinträchtigt wird und die Bevölkerung rundherum auf die „Spargel“ blicken muss, ohne dass sie einen finanziellen Ertrag davon habe. Forstamtsleiter Dr. Norbert Teuwsen als Gastgeber mahnte zu wohlüberlegter Entscheidung beim weiteren Planungsprozess.

Lars Rotzsche, Mitarbeiter der Städtische Werke AG Kassel, stellte aus der Sicht eines Energieversorgers die technischen Fakten, Ziele und Gedanken der Stadtwerke Union Nordhessen (SUN), Union Nordhessen zur regionalen Windkraftnutzung vor.

„Zweidrittel der potentiellen Flächen für Windnutzung im Landkreis Kassel liegen im Reinhardswald. Das sind Flächen mit einer Windgeschwindigkeit über 5,75 m/sec, die nach heutigem Stand der Technik wirtschaftlich interessant sind.“

Anzahl noch offen

Wie hoch die Zahl der Windräder konkret sein könnte, hielt Rotzsche offen. Möglicherweise könnten auf 1000 Hektar auf den ergiebigsten Standorten im Reinhardswald zwischen 50 und 70 Stück stehen. Maximal 100 Anlagen seien nur bei optimalen Bedingungen möglich.

Zur Vermarktung des Windstroms sagte Rotzsche, dass SUN eine regionale Wertschöpfung durch regionale Betreiber und Versorger fordere. Die Vermarktung an Investoren, die keine Mitgesellschafter aus der benachbarten Bürgerschaft wünschen, überzogene Pachtpreise in Kauf nähmen und dann die Anlagen an Einrichtungen schwerreicher Geldgeber veräußern, hält Rotzsche für die falsche Entscheidung einer bürgernahen Energiewende. 

Warnung vor Ende des Märchenlandes

Auf Seite der Reinhardswald-Lobbyisten und des Naturschutzes stellte Hermann-Josef Rapp, Forstbeamter im Ruhestand, deutliche Forderungen an die Planer, Investoren und behördlichen Entscheider. Für ihn ist die Vorstellung von Windrädern im Reinhardswald der schwerste Angriff auf „das Schatzhaus der europäischen Wälder“. Rapp stimmt zwar der Meinung des Bundesamtes für Naturschutz zu, dass es ohne Windenergie im Wald nicht gehen werde. „Aber“, so Rapp, „nicht um jeden Preis.“

Trotz der Vorteile dieser Technik gegenüber Fotovoltaik und Biogas sei der Bau von Windenergieanlagen in dem noch weitestgehend ungestörten Waldlebensraum ein erheblicher Eingriff. 300 bis 400 Anlagen allein im Reinhardswald, wie spekuliert werde, seien unvorstellbar. Damit wäre der heimische Wald als wertvoller Lebensraum auf Dauer zerstört, für den Tourismus unattraktiv und als Märchenland nicht mehr vorstellbar.

Lebensraumqualität

Für Rapp ist die Karte der Windhöffigkeit kein Maßstab. Er warnt vor schnellen Planungsentscheidungen. Vorher habe eine grundlegende Untersuchung der Strömungsverhältnisse zu erfolgen. Ebenso müsse die Lebensraumqualität des kompletten Reinhardswaldes untersucht werden. Horststandorte von Schwarzstorch, Greifvögeln, Kolkrabe und Großeulen sowie Fledermausvorkommen seien umfassend zu dokumentieren.

Neben den Ausschlusskriterien wie Hutewälder, Naturschutzgebiete, Kernflächen, Friedwald, Tierpark oder Sababurg müsse auch die Flusslandschaft des Oberweserraumes bedacht werden.

Unannehmbar ist für Rapp die Vorstellung, dass das Landschaftsbild zwischen Hann. Münden und Bad Karlshafen durch Batterien von Windrädern im Reinhardswald, Bramwald und im südlichen Solling belastet wird.

Hintergrund

Doppelt so hoch wie alte Anlagen

Für die Aufstellung eines Windrades im Wald muss eine 5000 Quadratmeter große, ebene Fläche gerodet werden. Das Windrad neuester Technik hat vom Fuß des Mastes bis zur Gondel mit den Rotoren eine Höhe von 140 Meter. Ein Rotorblatt ist 60 Meter lang. Steht es in der Senkrechten, ist das Windrad 200 Meter hoch - doppelt soviel wie ein Windrad alter Bauart. Um die übergroßen Bauteile anzuliefern, müssen Forstwege neu oder ausgebaut und Kurven begradigt werden. Rechnerisch benötigt jede Anlage zehn bis 15 Hektar Fläche, um Windschatten zu vermeiden. (eg/tty)

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