Französischer Kinohit in der Stadthalle

Provokante Experimente auf der Bühne: Ziemlich beste Freunde in Hofgeismar

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Unkonventionelle Freunde: Der ehemalige Häftling Driss (Felix Frenken) bietet seinem querschnittsgelähmten Chef Philippe (Timothy Peach) einen Joint gegen die Schmerzen an. Auch wenn der Geruch täuschend echt war, der Joint war es nicht. Foto: Wagner

Hofgeismar. Den anstrengendsten Job an diesem Abend hat Darsteller Timothy Peach. 

Er spielt den reichen querschnittsgelähmten Philippe, der seit einem Gleitschirm-Unfall im Rollstuhl sitzt. Schon ein einziges Zucken in den Fingerspitzen würde die Illusion zerstören. Regisseur Gerhard Hess von der Theatergruppe Thespiskarren aus Hannover schaffte es erfolgreich, den französischen Kinohit auf die Bühne der Stadthalle Hofgeismar zu holen.

Die Handlung setzt ein, als der launische Ex-Häftling Driss (Felix Frenken) beim Vorstellungsgespräch auftaucht. An einer Anstellung als Intensiv-Pfleger ist er nicht interessiert, er braucht nur eine Absage, um an sein Arbeitslosengeld zu kommen. Doch wenn Philippe eines nicht will, dann Mitleid. Deshalb stellt er den unverschämten Driss zur Probe ein.

Dieser erledigt seine Aufgaben anfangs mit größtem Widerwillen. Erschrockene bis amüsierte Laute kommen aus dem Zuschauerraum, als er seinen Arbeitgeber grob aus dem Bett in den Rollstuhl wuchtet, ihm angeekelt die Kompressionsstrümpfe anzieht und sich entsetzt fragt, wofür die Einmalhandschuhe sind.

Regelmäßiges Klatschen und Johlen der etwa 230 Zuschauer verraten: die politisch nicht korrekten Sprüche kommen gut an. Hier darf über jede noch so dreiste Anmache oder Behindertenwitz gelacht werden. Etwa, wenn Driss seinen Chef – gegen dessen Willen – mithilfe von Rasierschaum erst in Asterix, dann Papa Schlumpf und schließlich in den Weihnachtsmann samt Mütze verwandelt, bis am Ende nur noch ein kleines Hitlerbärtchen übrig bleibt. Als Krönung hebt er noch Philippes Arm zu einem schlaffen Hitlergruß empor.

Das Theaterstück lebt von dieser Erlaubnis, die Grenzen des Humors auszureizen. Dafür sorgt vor allem Darsteller Felix Frenken in seiner Rolle als Driss. Anfangs Straftäter ohne Zukunftsperspektive, übernimmt er immer mehr Verantwortung. Dabei schmiert er seinem Boss schon mal das Kartoffelpüree ins Auge, weil er so damit beschäftigt ist, auf den Hintern von Assistentin Magalie, sehr gut gespielt von Sara Spennemann, zu starren.

Dabei flippt er regelmäßig aus und brüllt auch mal so laut, dass vor allem älteren Zuschauern mit Hörgeräten die Ohren wehtaten. Apropos – als die beiden Hauptdarsteller auf der Bühne genüsslich einen Joint rauchen, erfährt man nicht nur die erogene Zone des Querschnittsgelähmten (die Ohren).

Während sich der süßliche Geruch bis in die fünfte Zuschauerreihe ausbreitet, kann man nicht anders, als die grandiose schauspielerische Leistung von Timothy Peach zu bewundern. Allein mit Mimik und Stimme schafft er es, seinen körperlichen und seelischen Schmerz über den Tod seiner Frau greifbar zu machen. Es macht Spaß ihm zuzusehen, wie er im Laufe des Stücks neuen Lebensmut, und in Driss nicht nur neue Arme und Beine, sondern einen echten Freund findet. Seine anfängliche Hoffnungslosigkeit schwindet, er rast buchstäblich mit Intimpiercing (ein Ohrstecker) und aufgepimpten Rollstuhl über die Bühne und findet sogar eine neue Liebe.

Der lange Applaus ist verdient. Peach - der sich zwei Stunden absolut regungslos über die Bühne hat ziehen, zerren, schleifen lassen - freute sich sichtlich über die Gelegenheit, seinem Kollegen Frenken einen Klaps auf den Hintern zu geben und aus dem Rollstuhl zu springen.

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