1000 Euro für die meisten Eintritte: Dekane halten nichts von Idee aus Kassel

Vor der Liebfrauenkirche: Die Frankenberger Dekanin Petra Hegmann unterstützt die Idee einer Prämie für die Kirchengemeinde mit den meisten Eintritten nicht. Archivfoto:  Rösner

Frankenberg. Eine Kirchengemeinde in Kassel hat vorgeschlagen, der Gemeinde im Kirchenkreis mit den prozentual meisten Eintritten pro Jahr eine Prämie von 1000 Euro zu zahlen. Wir haben die Dekane im Frankenberger Land gefragt, was sie davon halten.

Angesichts von allgemein mehr Kirchenaustritten als -eintritten klingt die Idee einer Prämie für die meisten Eintritte auf den ersten Blick interessant. Petra Hegmann, Dekanin im Kirchenkreis der Eder, hält eine solche Prämie aber „für keine gute Idee“, sagte sie auf HNA-Nachfrage. Auch für Andreas Friedrich, Hegmanns Kollegen im Dekanat Biedenkopf-Gladenbach, hat der Vorschlag mehr Nachteile als Vorteile. Er habe ihn deshalb auch gar nicht wirklich ernst genommen.

„Die Anzahl der Mitglieder in einer Kirchengemeinde hängt auch von Faktoren ab, die nichts mit der Kirchengemeinde zu tun haben“, sagt Petra Hegmann und nennt als Beispiele die demografische Entwicklung und beruflich bedingten Wohnortwechsel. Andreas Friedrich ergänzt diese Liste um Faktoren wie Gemeindegröße, Kindergarten, Zuzugsrate, Neubaugebiete und Flüchtlingsprojekte.

„Was soll in diesen Fällen eine Prämie?“, fragt Hegmann. „Statt über prämienwürdige Kirchengemeinden sollten wir besser weiter über neue Wege in der Mitgliedergewinnung nachdenken.“

Eine Prämie bringe Pfarrer und Kirchenvorstände unter Konkurrenzdruck, wo doch nachbarschaftliche Kooperation angesagt sei, findet Andreas Friedrich, der als Dekan auch für das Obere Edertal verantwortlich ist.

Und er bringt noch einen anderen Aspekt in die Diskussion: „Der Vorschlag aus Kassel tut so, als sei Kirchenmitgliedschaft der höchste Wert, für den wir als Kirche stehen und werben und lässt das in den Hintergrund treten, wofür Kirche vor allem anderen eintritt: Dass Menschen die gute Nachricht von Gottes Liebe hören und das als Grund ihres Lebens entdecken.“

Wenn man nicht auf schnelle Entscheidungen setze, sondern Wege miteinander gehen wolle, könne es lange dauern, bis in einem Menschen der Entschluss zur Taufe und zum Kircheneintritt reife, argumentiert Friedrich. „Das ist dann schöner und folgenreicher als das Drängen auf den schnellen Eintritt, um die Prämie zu kassieren. Es geht doch um Menschen und ihren Weg, nicht um Zahlen!“

Natürlich sei es eine Daueraufgabe, sagt der Biedenkopfer Dekan, die Bedeutung von Kirchenzugehörigkeit - für beide Seiten - hervorzuheben und dazu zu ermutigen. Deshalb dürfe man auch gute, innovative und erfolgreiche Projekte und Ideen wertschätzen. Das Dekanat verfüge auch in begrenztem Umfang über Mittel, um besondere Aktivitäten gezielt zu fördern. Friedrich: „Aber das wird nicht allein aufgrund von Zahlen geschehen können. Zahlen als Kriterium wirken auf den ersten Blick gerecht und transparent, auf den zweiten Blick sind sie das aber oft keineswegs - wie dieses Beispiel zeigt.“

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