Abschied aus der Politik: SPD-Fraktionschef Reinhard Kahl im Interview

Foto mit Willy Brandt: Von der Politik und vom Charisma des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers und späteren Friedensnobelpreisträgers beeindruckt, trat Reinhard Kahl 1967 in die SPD ein. Foto:  Kobbe

Waldeck-Frankenberg. 35 Jahre im Kreistag, davon 25 Jahre als Fraktionsvorsitzender, 30 Jahre im Hessischen Landtag: Reinhard Kahl wird bei der Kommunalwahl im März 2016 nicht mehr kandidieren.

Auf eine lange politische Laufbahn blickt der Sozialdemokrat im Interview zurück.

Herr Kahl, wer oder was gab den Ausschlag, dass Sie sich vor mehr als 30 Jahren für die Politik als Beruf und gegen eine Schullaufbahn entschieden? 

Reinhard Kahl: Ich bin sehr gerne Lehrer gewesen. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit jungen Leuten zu arbeiten. Insgesamt war ich elf Jahre im Schuldienst. Zuletzt hatte ich mich als Schulleiter in Battenberg beworben und war auch schon ausgewählt, als sich 1983 die Neuwahl zum Hessischen Landtag abzeichnete. Ich war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre Fraktionschef im Kreistag und wurde gefragt, ob ich kandidieren würde. Dazu habe ich mich dann bereit erklärt, aber mir mit Platz 46 auf der Landesliste wenig Chancen auf ein Mandat ausgerechnet. Erstaunlicherweise hat die SPD dann den lange von der CDU dominierten Wahlkreis direkt gewonnen. Insofern haben also die Wähler über meinen beruflichen Werdegang entschieden.

1983 war ja nicht nur in Hessen, sondern auch bundespolitisch ein spannendes Jahr. Im März hatte Helmut Kohl die Bundestagswahlen gewonnen... 

Kahl: Das gute Wahlergebnis der SPD in Hessen hing sicherlich damit zusammen, dass die FDP den Regierungswechsel in Bonn eingeleitet hatte.

Dann lief es in Wiesbaden auf die erste rot-grüne Koalition hinaus: mit Ministerpräsident Holger Börner und dem grünen Umweltminister Joschka Fischer... 

Kahl: Das war schon eine sehr spannende Zeit. Die SPD hat sich sehr schwer getan, mit den Grünen und deren Politikstil, der mit dem heutigen nicht zu vergleichen ist, zurecht zu kommen. Mir als jüngerem Abgeordneten fiel dies etwas leichter. Dass ich in dieser Phase für eine Zusammenarbeit zwischen SPD und Grünen plädiert habe, war offensichtlich.

Befürworter einer solchen Koalition waren zu dieser Zeit in Waldeck-Frankenberg eher in der Minderheit, oder?

Kahl: Richtig. Das war in der SPD damals umstritten. Wobei ich stets die Position vertreten habe, nach den Kommunalwahlen mit allen Fraktionen zu reden und dann zu entscheiden, welches der beste Regierungspartner für die SPD ist. Manche wollten die Gespräche nur mit FDP und Freien Wählern führen. Dadurch entstand eine gewisse Kontroverse. Aber die SPD ist eine diskussionsfreudige Partei, und das finde ich auch gut.

An welche Ereignisse, auf landes- und kommunalpolitischer Ebene, erinnern Sie sich gern zurück? 

Kahl: An Entscheidungen mitgewirkt zu haben, die den ländlichen Raum gestärkt und für die Kommunen hilfreich waren, ihre Infrastruktur auszubauen, erinnere ich mich gerne zurück. Als Landtagsabgeordneter und Parlamentarischer Geschäftsführer konnte ich mehrmals in der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten teilnehmen. In der Kreispolitik die SPD als stärkste Kraft zu etablieren gehört ebenfalls in diese Kategorie. Aber auch die Ausweisung des Nationalparks Kellerwald-Edersee nach langer Auseinandersetzung.

Ein Ereignis, das immer im Gedächtnis bleibt, ist die Bildung der ersten rot-grünen Koalition mit Joschka Fischers Turnschuh-Auftritt und einem damit verbundenen Medieninteresse, das es in dieser Weise im Hessischen Landtag nie wieder gegeben hat. Um zu meinem Abgeordnetenplatz zu kommen, musste ich mir meinen Weg durch Dutzende von Fernsehkameras bahnen. Es bleiben natürlich auch die Eindrücke von acht Landtagswahlkämpfen, von denen ich immerhin sechs gewinnen konnte. Keine schlechte Bilanz, finde ich.

Stellt sich bei acht Wahlkämpfen mal so etwas wie Routine ein? 

Kahl: Es ist immer wieder eine besondere Herausforderung. Denn in der Politik ändert sich so viel so schnell. Auch gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen rasant. Was sich verstetigt, sind die Kontakte, die man geknüpft hat.

Was sind weniger schöne politische Erinnerungen?

Kahl: Die gescheiterte Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin im November 2008. Aus einem grandiosen Wahlerfolg, den es bis dato so für die hessische SPD noch nicht gegeben hatte, wurde ein Desaster.

In der Kreispolitik stand gleich zu Beginn eine große Enttäuschung. 1972 habe ich zum ersten Mal für den Kreistag Frankenberg kandidiert. Dort lag die SPD ebenso wie im Waldecker Kreisteil bei den Wählern kurz vor der absoluten Mehrheit. Und dann mussten wir bei der ersten Wahl im neugebildeten Großkreis eine herbe Niederlage einstecken. Die war so deftig, dass sie mich als jungen Abgeordneten fast umgeworfen hat. Beides waren sehr bittere Erfahrungen.

Von Thomas Kobbe

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.