Lager wurde heute vor 70 Jahren befreit

Ehepaar aus Korbach starb 1944 in den Gaskammern von Auschwitz

Ihre Spuren verlieren sich in Auschwitz-Birkenau: Der Korbacher Kaufmann Edmund Mosheim und seine Frau Henriette starben im Oktober 1944 in dem Vernichtungslager. Foto: Privatarchiv Lilienthal/nh

Hier erzählen wir die Geschichte eines Ehepaares aus Korbach, das noch im Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau vergast wurde.

Der Zug rollt durch das Tor der SS-Hauptwache, hält wenig später an der Ausladerampe. Für die Menschen in den Viehwaggons bedeutet das Endstation. Hier endet ihr qualvoller Transport ohne Wasser und Brot. Und hier an der so genannten Juden-Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wird für die meisten Deportierten das letzte Kapitel ihres Lebens- und Leidensweges aufgeschlagen.

Aus Theresienstadt kommend, treffen die Korbacher Henriette und Edmund Mosheim am 9. Oktober 1944 im Lager ein – mit 1200 weiteren Juden. Angesichts der vorrückenden Roten Armee läuft das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten auf Hochtouren. Aus ganz Europa werden noch Juden in die Todesfabrik verbracht. Bis zu 100.000 Menschen halten sich 1944 in den mehr als 300 Baracken auf. Unter todbringenden Bedingungen.

Henriette und Edmund Mosheim werden die Baracken nicht betreten. Sie und alle anderen noch lebenden Ankömmlinge werden aus den Waggons heraus- und an der Rampe zusammengetrieben. Mit einer Handbewegung teilen SS-Männer die ausgehungerten und entkräfteten Menschen in arbeitsfähig oder arbeitsunfähig ein. Letzteres ist das Todesurteil.

Edmund Mosheim ist 61 Jahre alt. Für den Schwerkriegsbeschädigten, der im Ersten Weltkrieg einen Lungendurchschuss erlitt, und seine Frau weist die SS-Hand zu der neben dem Gleis stehenden Menschenmenge. Ihr Weg führt einige hundert Meter bis zum Ende des Schienenstrangs, zu den Backsteingebäuden mit den hohen Schornsteinen. Die Treppe hinunter in die Auskleide hinein, nur noch einen Raum weiter: die Gaskammer.

Wie ein Überlebender nach Veröffentlichungen der Regional-Geschichtsforscherin Marion Lilienthal (www.gedenkportal-korbach.de) berichtet, werden von den 1200 Juden, die mit den Mosheims angekommen sind, 1130 gleich nach Ankunft und Selektion vergast. Der Rest wird zu schwerer Arbeit abkommandiert. Viele kommen durch Erschießung, Erfrierung oder Krankheiten um. Die systematische Vernichtung in Auschwitz-Birkenau zielt nicht allein auf den Mord in der Gaskammer ab. Bis zu 4500 Leichen brennen pro Tag in den Krematorien.

Der dritte und letzte Deportationszug mit Juden aus dem Regierungsbezirk Kassel verschleppt im September 1942 Henriette und Edmund Mosheim nach Theresienstadt. Nach Jahren der Entrechtung und Diskriminierung ist ihnen alle Habe genommen. Dabei erlangten die Mosheims 1850 als dritte jüdische Familie das Korbacher Bürgerrecht. Edmund hat das Gymnasium besucht, führt mit dem Bruder den Baustoff- und Eisenwarenhandel. Der Kaufmann fühlt sich als Deutscher, will auch nach dem Synagogen-Brand am 9. November 1938 nicht aus Korbach weg. Als er 1942 doch die Reichsfluchtsteuer zur Ausreise zahlt, ist es zu spät. Mit Fußtritten stößt die Gestapo am 16. Juli 1942 den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in einen Wagen und schafft ihn von Korbach zur Deportation nach Kassel.

Zwei Jahre stehen die Mosheims in Theresienstadt durch. Dann werden sie nach Auschwitz-Birkenau verbracht und sogleich getötet. Die besondere Tragik: Schon vor ihrer Ankunft haben jüdische Häftlinge ein Krematorium zerstört. Um Spuren zu verwischen, ordnet Reichsführer-SS Himmler Ende Oktober 1944 an, die Vergasungen einzustellen und die Anlagen abzubauen. Wären Edmund und Henriette Mosheim einige Tage später nach Auschwitz gekommen, sie hätten überleben und die Befreiung miterleben können.

Von Andreas Hermann

Video zeigt bekanntes Fotoalbum über Auschwitz

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.