NABU spricht von „ökologischer Katastrophe“

Edersee so leer wie schon seit 15 Jahren nicht mehr

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Naturschauspiel in Nordhessen: Blick auf den Edersee und die aus dem See aufgetauchten Hopfenberge.

Der Edersee in Nordhessen ist so leer wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Er wird in den nächsten Tagen wohl nur noch zu zehn Prozent gefüllt sein.

Dieser Artikel wurde aktualisiert um 19.44 Uhr - Diese Marke sei zuletzt im Jahr 2003 erreicht worden, sagte Timo Freitag vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Hann. Münden (WSA) am Montag. Dann wird die Wasserabgabe des Stausees noch einmal verringert. Es werde nur soviel Wasser abgelassen, wie hinein fließe. 

Der Edersee hilft normalerweise, die Oberweser für Schiffe befahrbar zu halten. Doch mangels Wasser sei die Schifffahrt dort so gut wie nicht mehr möglich. "Nun werden auch die letzten, die noch Freizeitschifffahrt betrieben haben, Probleme bekommen", erklärte Freitag. 

NABU fordert behutsamere Bewirtschaftung an der Talsperre

Die extreme Trockenheit und massive Wasserabgaben aus dem Edersee haben nach Auffassung des NABU Edertal weitreichende Folgen. „Die diesjährige Steuerung des Wasserstandes im Edersee entwickelt sich zu einer ökologischen Katastrophe.“ Diese Auffassung vertritt der Naturschutzbund in einer Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung. Am Montag befanden sich 21,6 Millionen Kubikmeter Wasser im Edersee, der damit noch zu elf Prozent gefüllt ist.

Seit Samstag versucht das Wasserstraßen- und -Schifffahrtsamt nach eigenen Angaben, die Folgen der extremen Trockenheit für die Natur am und im Fluss zu mildern. Obwohl die Grenze von 20 Millionen Kubikmetern im Edersee noch nicht unterschritten ist, lässt es weniger Wasser ab, als die Minimalabgabe von sechs Kubikmetern pro Sekunde vorsieht. Aktuell sind es nur noch drei Kubikmeter. Nach und nach nähert sich das Amt durch weiteres Drosseln in dieser Woche der Marke von einem Kubikmeter pro Sekunde Ablass. Das entspricht in etwa dem derzeitigen Zulauf am Beginn des Sees.

Diese Politik der kleinen Schritte soll den Fischen Gelegenheit geben, letzte Zufluchtsräume aufzusuchen, teilt das WSA auf Nachfrage mit. Und weil man vor Erreichen der Untergrenze von 20 Millionen Kubikmetern bereits mit dieser Drosselung begonnen habe, lasse sich der 1 Kubikmeter Ablass auch dann noch einige Tage durchhalten, wenn es weiter trocken bleibt und der Zufluss unter 1 Kubikmeter absinke. Der Zulauf lag am Montag bei 1,2 Kubikmetern pro Sekunde.

Trotz dieser Bemühungen des WSA werde die untere Eder dann nur noch ein „trauriges Rinnsal“ sein, sagt Markus Jungermann, Vorsitzender des NABU Edertal. Bereits in den letzten Wochen habe es in der unteren Eder Alarmsignale gegeben in Form von Schaum- und Algenbildung sowie Trübung des Wassers.

Das aus dem Edersee abgelassene Wasser sei stark eutrophiert, also mit Nährstoffen angereichert und sauerstoffarm. Es weise zu hohe, das heißt basische pH-Werte auf. Die massive Eiweißfracht entstehe durch absterbende Algen und den frühen Laubfall, erklärte Vorstandsmitglied Wolfgang Lübcke.

Bisher, so der NABU, habe der Fluss die Situation dank der zahlreichen Renaturierungsmaßnahmen einigermaßen abfangen können. Wegen des drastischen Absinkens der Abgabe werde die Selbstreinigung der Eder kaum noch funktionieren. Negative Auswirkungen auf die Fischfauna und andere Wasserorganismen seien zu befürchten.

Offensichtlich hätten die Verantwortlichen für den Wasserstand des Edersees nicht mit einer so langen Trockenperiode wie in diesem Jahr gerechnet. Aufgrund des Klimawandels müssten künftig häufiger längere Trockenphasen in den Sommermonaten einkalkuliert werden, meint der NABU.

Deshalb sei ein darauf abgestelltes Management des Wasserstands im Edersee aus ökologischer Sicht dringend geboten Der Naturschutzverband fordert im Interesse der Gewässerfauna im See und in der Eder eine höhere Reservemenge für die Talsperre. „Die ökologischen Argumente erweisen sich als Unterstützung der Tourismusinteressen“, erklärt Jungermann.

Die Wasserabgabe aus dem nordhessischen Stausee ist ein Politikum, weil der See auch für den Tourismus vor Ort wichtig ist. Ohne ausreichend Wasser, kommen weniger Gäste in die Ferienregion.

Mit der Eder fällt die Weser trocken

Der Wasserstand in der Weser fällt um weitere 15 Zentimeter, da das WSA Hann. Münden die Abgabe aus dem Edersee deutlich drosselt. Die Weser kommt dann auf 65 bis 70 Zentimeter. Die gewerbliche Schifffahrt wie Fähren, Kies- und Fahrgastschifffahrt werde ihren Betrieb anpassen und notfalls einstellen, teilt das Amt mit. Fähren fahren bereits nur noch mit niedriger Belastung ohne Lkw und mit weniger Pkw. Seit dem 21. August wurde mit Erreichen der 40 Millionen-Marke die Abgabe aus der Talsperre von 28 auf 6 Kubikmeter pro Sekunde reduziert.

Nachdem die Talsperre am 1. Mai noch voll gestaut war, wurde am 19. Juli die Triggerlinie mit Pegelreduzierung in Hann. Münden aktiviert, was die Absenkung im Edersee zugunsten von Tourismus und Wassersport zumindest um 14 Tage verzögerte.

Nordhessens FDP bezeichnet die Triggerlinie und die angepeilte, aber längst nicht beschlossene Absenkung der Minimalabgabe von 6 auf 4 Kubikmeter pro Sekunde in den Wintermonaten als viel zu wenig, um das Problem der Edersee-Region zu lösen. Das Bundesverkehrsministerium hatte eine Anfrage der Bundes-FDP zum Thema beantwortet, indem es gebetsmühlenhaft erneut auf diese beiden Mittel verwies.

Dieter Schütz, Kreisvorsitzender der Waldeck-Frankenberger Liberalen, empfindet diese Antwort angesichts der Lage 2018 als Verhöhnung. Die FDP verlangt von der hessischen Landesregierung, mehr für die Edersee-Region zu tun. (lhe/r/su/tty)

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So schön sieht der leere Edersee von oben aus

Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
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Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder
Der leere Edersee von oben Mitte August 2018.
Der leere Edersee von oben. © Thomas Meder

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