Vorspann:Vor 90 Jahren nahm Wilhelm Ritter Abschied von den Edersee-Dörfern

Augenzeugenbericht aus dem Jahr 1913: Bei der Abschiedspredigt flossen Tränen

Die Kirche von Alt-Asel.

Vöhl. Tausende von Menschen pilgerten im Sommer und Herbst 2003 über die Ruinenreste der untergegangenen Dörfer des Edersees, über Gräberfelder und Klostermauern. Die Besucher bestaunten die intakt gebliebene Brücke bei Asel-Süd und das Sperrmauermodell an der Einmündung der Werbe.

HNA-Leserin Sigrun Ide aus Frankenberg fühlte sich an ihren Großvater erinnert: Sie stellte uns seinen Augenzeugenbericht aus dem Jahr 1913 zur Verfügung, als er mit einem Dutzend Touristen von Kassel nach Waldeck reiste und dann letztmals durch das noch nicht geflutete Edertal zu diesen Ruinen wanderte. Der Postbeamte Wilhelm Ritter hatte schon ein paar Mal in den Jahren zuvor mit Scharen von Menschen das Edertal aufgesucht, wo damals Europas größte Sperrmauer errichtet wurde. Er hing besonders an seinem Heimatdorf Asel südlich von Vöhl, in dem er 1887 geboren wurde und das nun auch verschwinden musste. Ritter arbeitete in Wildungen, Kassel und Sachsenberg bei der Post, bevor er ab 1925 in Frankenberg als Postinspektor Dienst tat. Hier verstarb er auch im Jahr 1957.

In seinem Wanderbericht von 1913 schildert der ehemalige Aseler, wie er in Waldeck ankommt und den herrlichen Blick vom Schloss genießt auf die Sperrmauer, die ihrer baldigen Fertigstellung entgegen harrt das sollte ein Jahr später sein. Auf schmalem Fußweg geht es hinunter auf die Straße. Er schreibt: Welch traurigen Anblick bietet das früher so schöne Dörfchen Berich mit seiner gotischen Klosterkirche! Die Häuser sind zum Teil ganz vom Erdboden verschwunden. Schutt und Ziegelbrocken bedecken die ehedem so sauber gehaltenen Höfe. Von der Bericher Klosterkirche sind bereits Turm, Glocken, ausgebaute Fenster, Orgel, Altar und vieles mehr nach Neu-Berich geschafft worden. Aber die Mauern stehen noch fest wie Erz, berichtet Wilhelm Ritter. Die schönen Obstbäume, an denen Berich so reich war, sind abgehauen. Nur im Gasthaus Höhle ist noch Leben, während an der Bericher Hütte, wo früher Vater Lösekamm ein beliebtes Ausflugslokal betrieb, schon Totenstille herrscht.

In Neu-Berich bei Volkmarsen, wo den Berichern die Eder fehlt, wo sie ihre blühenden Gärten vermissen, wo ihnen die Tränen in die Augen schießen, wenn man von ihrer Heimat spricht, dort segnete Vater Lösekamm bald das Zeitliche, schreibt Wilhelm Ritter. Der Postbeamte berichtet von einem anschließenden Besuch in Neu-Bringhausen. Er sieht den neuen Friedhof, auf den die Särge mit den Gebeinen der Verstorbenen aus dem Edertal umgebettet worden sind. Zwei Arbeiter aus Köln sollen diese unangenehme Arbeit gemacht haben und dafür eine gute Belohnung von angeblich 120 Mark am Tag bekommen haben.

In Neu-Berich wird eifrig gebaut; das Forsthaus ist schon fertig, und Häuser und Gehöfte stehen in allen Stadien des Werdegangs. Mit besonderer Wehmut erlebt der aus Kassel angereiste Wanderer 1913 den Anblick seines verwüsteten Heimatdorfes. Asel wie sieht es jetzt in dir aus! ruft Wilhelm Ritter. Überall im Umkreis dampfen die Kohlenmeiler, denn das Holz, das innerhalb des Staubeckens stand, ist abgehauen und wird nun zu Kohlen gebrannt. Im Dorf liegen gefällt Obstbäume herum, teilweise sind Dächer schon abgedeckt, polnische und galizische Gastarbeiter stehen vor einem verlassenen Haus. Die kleine Aseler Kirche ist ebenfalls noch da, die beiden großen Kirchlinden liegen aber schon am Boden. Der früher so gut gepflegte Lehrergarten sieht so verwahrlost aus wie das ganze Dorf. Ritter erinnert sich an den Abschiedsgottesdienst der Dorfbewohner am 2. Ostertag 1913, als das Glöckchen zum letzten Mal schallte: Von fern her kamen sie, die lieben Aseler.

Keiner hat sich bei der herzergreifenden Abschiedspredigt ihres Seelsorgers der Tränen erwehren können. Und tief bewegt verlässt der Wandersmann wenig später die alte Dorfstelle. Wilhelm Ritter übernachtet in Neu-Asel, wo fünf Aseler und eine Bringhäuser Familie angesiedelt worden sind. Die Häuser, alles Fachwerkbauten, machen einen ganz anheimelnden Eindruck, nur die schönen Obst- und Gemüsegärten fehlen. Am nächsten Tag marschiert er über Vöhl nach Herzhausen, schaut hinüber zum Dörfchen Harbshausen, das durch die Talsperre auch sehr in Mitleidenschaft gezogen wird, da sein bestes Land und fast alle Wiesen unter Wasser gesetzt werden. Auch das fruchtbarste Land von Herzhausen wird versinken. Zum letzten Mal überschreitet Wilhelm Ritter auf dem Rückweg in Richtung Wildungen die Ederbrücke bei Asel, über die wohl nächstes Jahr das Wasser spülen wird. Sie war im Jahr 2003 wieder eines der attraktivsten Ziele des Edersee-Tourismus.

Von Karl-Hermann Völker

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