Viele Details offenbaren sich derzeit

Auf Zeitreise durch die Ruinen im Edersee bei Niedrigwasser

Der Zahn der Zeit nagt an der Bericher Hütte: Wilhelm Neuhaus aus Nieder-Werbe beobachtet mit Sorge den Verfall. Foto: Höhne

Die Ruinen der versunkenen Dörfer im Edersee üben einen magischen Reiz aus. Besucher reisen von weither an, um aufgetauchte Mauerreste zu besichtigen. Ein Spaziergang durch das Edersee-Atlantis. 

Für Wilhelm Neuhaus aus Nieder-Werbe ist ein Gang durch das Atlantis wie eine Zeitreise. „Als ich Kind war, hat mir mein 1895 geborener Vater viel vom Bau der Talsperre und der Zeit danach erzählt.“

Zum ersten Mal in diesem Jahr machte sich der 83-Jährige dieser Tage wieder einmal auf den Weg zur Bericher Hütte. Die wenigen Pkw-Stellplätze vor dem unscheinbaren Hinweisschild sind an diesem Nachmittag belegt, etliche Autos parken auf der Landesstraße, und die Schlange wird länger und länger. 

Zu Fuß geht es über einen unbefestigten Weg zum Ufer. Aus der „Steinwüste“ ragen die Reste der 1755 erbauten Bericher Hütte. Davor steht das 1910 errichtete Talsperrenmodell, und in Blickrichtung zur Waldecker Burg ist ein Gewölbekeller aufgetaucht. „Der stammt von der Bericher Mühle“, weiß Neuhaus.

Das Sperrmauermodell an der Bericher Hütte.

Am Sperrmauermodell wurden vor dem Anstau die Vorrichtungen ausprobiert, die zur Abführung des Wassers an der Staumauer nötig waren. „Das Wasser lieferte der alte Mühlengraben der ehemaligen Hütte“, erläutert der Nieder-Werber und zeigt den ungefähren Verlauf des Bachs.

Das Mauermodell taucht nur bei besonders niedrigem Wasserstand auf. Besucher haben es vor einigen Wochen vom Schlamm befreit. Über 100 Jahre, nachdem es Wasser, Wind und Wetter trotzte, wird es neuerdings Opfer von Souvenirjägern. Unbekannte haben Steine aus der Krone herausgeschlagen. Auch die Mauern der Bericher Hütte bröckeln, oft auch bei gefährlichen Kletterpartien.

„Es dauert nicht mehr lange, dann stürzen auch diese Reste ein“, befürchtet der Nieder-Werber. Früher sperrten Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Ruinen häufig mit „Flatterband“ ab. Das ist diesmal unterblieben.

Tourismus setzte schon früh ein im Atlantis, wie auf diesem Bild zu sehen, war vermutlich in den 1920-er Jahren entstanden ist.

Bei der Bericher Hütte stand einst ein Gasthaus. „Hier war wohl der Eingang“, zeigt Neuhaus auf große Steinquader. Wenige Meter weiter entdeckt er einen Baumstumpf. „Mein Vater hat von einer Außenterrasse mit einer wunderschönen Linde erzählt.“ In dem Gasthaus der Familie Lösekamm trafen sich Bericher, Bringhäuser und Nieder-Werber nach getaner Arbeit, plaudert Neuhaus.

Längst werden Besucher an den Ruinen hellhörig und löchern den Edersee-Kenner mit Fragen. „Schade, dass keine Informationstafel gibt“, sagt eine Besucher aus Kassel enttäuscht. 

Eisenerz aus Adorf für die Bericher Hütte

 Am Eingang des Werbetals, etwa drei Kilometer westlich der alten Dorfstelle Berich standen einst die Bericher Hütte, eine Mühle und eine der ersten Molkereien der Region. Der Molkereibesitzer besaß schon lange vor dem Bau der Talsperre ein Auto. „Das war ein Aufsehen, wenn es von Korbach nach Nieder-Werbe zur Bericher Hütte fuhr“, weiß Wilhelm Neuhaus aus Erzählungen. 

In der Hütte wurde Eisenerze mit Holzkohle in großen, turmhohen Hochöfen geschmolzen und zu Eisen verarbeitet. Etwa 40 Arbeiter waren dort beschäftigt, meist aus Bringhausen. Das Eisenerz wurde mühsam mit Pferdefuhrwerken aus dem rund fünf Stunden entfernten Adorf herangeschafft. Im Hammerwerk am Weg in Richtung Werbe wurde das Eisen wieder erhitzt und durch mächtige Hämmer dehnbar gemacht, um es zu feinem Draht- und Eisenblech auszuwalzen. 

Die 1755 erbaute Hütte wurde schon 120 Jahre später wieder aufgegeben, da sich der Betrieb insbesondere wegen des weiten Transports der Erzeugnisse bis zur Bahnstation in Wabern nicht mehr lohnte. Seit dieser Zeit wurde in dem Wohnhaus eine Gastwirtschaft betrieben. Zur Zeit des Talsperrenbaus glich die Bericher Hütte bereits einer Ruine.

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