1943 zerstörten die Briten mit einer Spezialbombe die Sperrmauer

Bombardierung der Edertalsperre: "Die fürchterlichsten Stunden"

Edersee. Operation Züchtigung: So hieß übersetzt der britische Angriff vor 75 Jahren auf die Edertalsperre. Die Wassermasse tötete Dutzende Menschen und zerstörte einen Landstrich.

In der sternenklaren Nacht zum 17. Mai 1943 startet die Royal Air Force einen Angriff unter dem Codename „Operation Chastise“ (Züchtigung). Auftrag der 19 Lancaster-Bomber ist die Zerstörung der Edertal-, Möhne-, Lister-, Ennepe- und Sorpetalsperren. Während die beiden letztgenannten Bauwerke den Luftschlägen standhalten, die Listertalsperre wegen Nebels verschont bleibt, beschädigen speziell entwickelte „Bouncing Bombs“ (hüpfende Bomben) der 617. Fliegerstaffel die Sperrmauern des Eder- und Möhnesees.

Britische Bomber über der Edersee-Staumauer: So könnte der Angriffsflug ausgesehen haben. Diese Fotomontage zeigt das Modell eines Lancasterbombers. Unter dem Rumpf ist eine der speziell entwicketen Rollbomben zu erkennen. Foto: Klein/Montage WLZ

Nach dem Angriff auf die Möhnetalsperre gegen 0.20 Uhr, bei dem mehrere Hundert Menschen in den Fluten ums Leben kommen, steuert eine aus drei bewaffneten Maschinen bestehende Flugzeugformation den bis zum Rand gefüllte Edersee an. Den Luftraum über Waldeck und Edertal nutzen die Piloten Maudsley, Shannon und Knight, ums sich und ihre Besatzungen auf die komplizierten Anflüge und Abwürfe der zerstörerischen Fracht vorzubereiten.

Video: Seltener Blick in alten Stollen der Sperrmauer

Nachdem der erste Versuch fehlgeschlagen ist – die Bombe aus Shannons Maschine traf die Mauerkrone, ohne größeren Schaden anzurichten – versucht es Kommandant Maudsley. Der von seinem Schützen ausgelöste Sprengkörper verfehlt die Sperrmauer, durch die Detonation wird der umgebaute Lancaster-Bomber beschädigt und später über Deutschland abgeschossen. Nach einigen fehlgeschlagenen Anflügen hat das von Les Knight gesteuerte Kampfflugzeug die letzte von Ingenieur Barnes Wallis konstruierte Rollbombe an Bord. Erst beim dritten Anlauf manövriert der Pilot den Bomber nahezu perfekt auf die Schwergewichtsmauer zu. Seine Flugroute führt im Sinkflug durch ein enges Tal am Schlossberg in Waldeck. Als nächstes visiert Knight in wenigen Metern Höhe die unterhalb des Wildtierparks gelegene Hammerbergspitze an, dann steuert er – es ist jetzt Montagmorgen gegen 1.50 Uhr – seine Maschine im stumpfen Winkel und im Tiefflug von unter 20 Metern Höhe auf die Sperrmauer zu. Das Flugzeug ist zu diesem Zeitpunkt mehr als 350 Stundenkilometer schnell.

In Helmuth Eulers Bildband „Wasserkrieg“ berichtet Bombenschütze Edward Johnson über seine Eindrücke: „Ganz klar sah ich die Türme (die beiden Torhäuser auf der Mauerkrone). Ich war glücklich mit meinem Zielgerät, der Position und allem anderen. Ich löste die Bombe aus und vergaß für einen Augenblick alles über sie, denn wir flogen direkt auf einen Berg jenseits der Sperrmauer zu. Das ist vielleicht der schrecklichste Augenblick, wenn man vorn im Cockpit den Berg in Höchstgeschwindigkeit auf sich zurasen sieht.“

Bomberschütze Johnson weiter: „Aber die Lancaster schaffte es mit maximaler Kraft, über die Bergspitze hinweg zu kommen. Ich selbst konnte die Edersee-Sperrmauer nicht einstürzen sehen, aber durch das Geschrei des hinteren Bordschützen Harry O’Brian wurde mir klar, dass ein Teilstück aus der Mauer gefallen sein musste. Für einen Augenblick vergaßen wir alles über unsere Sicherheit und folgten der ungeheuren Flutwelle, die ins Tal schoss.“

Der Wing Commander des 617. Bombergeschwaders, Guy Gibson, sagt über Funk zu seinen Leuten: „Boys, ihr habt eure Sache gut gemacht. Es wird Zeit für den Rückflug.“

 

„Die fürchterlichsten Stunden“

Die Flut überraschte auch Affoldern bei Nacht – Zeitzeugen berichteten von großer Not und kleinen Wundern

Viele Bewohner Affolderns werden von der herannahenden Flutwelle im Schlaf überrascht, die im Zickzackkurs und mit ungeheurer Zerstörungskraft auf das Dorf zurast. „Die sich auftürmenden Wassermassen schlug mal gegen die eine, dann gegen die andere Talseite“, erinnerte sich später Minna Frede. Eilig wird ein Koffer mit dem Nötigsten gepackt. „Mit meinen Kindern Karl und Wilma, meinen Schwiegereltern Caroline und Christian, haben wir das Haus fluchtartig verlassen und sind in Richtung Gelbe Seite (eine bekannte Anhöhe, die Red.) gerannt“.

Von der Flut bei Nacht überrascht: Minna (†) und Christian Frede (†) mit ihrem Sohn Karl.

Es herrscht Panik. Menschen schreien und laufen um ihr Leben. Hinter ihnen habe der Damm des Affolderner Weihers dem enormen Druck der künstlich ausgelösten Springflut nicht mehr standgehalten. „Er zerbrach, und dann kam das Wasser rasend schnell. Das Rauschen und die weiß-graue Gischt habe ich mein Leben lang nicht vergessen.“ 

Eine Vielzahl verendeter Tiere lag in den Trümmern von Affoldern. Die Kadaver begannen nach kurzer Zeit übel zu riechen, viele Überlebende klagten über brennende und juckende Hautausschläge.

Minna Frede sieht, wie Menschen und Tiere vom Wasser erfasst und von der Flut mitgerissen werden. Unzählige Häuser beginnen sich um die eigene Achse zu drehen und fallen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Mit schrecklichen Bildern im Kopf suchen die überlebenden Bewohner Zuflucht im Bahnhof Buhlen. Dort werden sie in der Nacht von Familie Göbel mit heißen Getränken versorgt.

Bei einsetzender Morgendämmerung zeichnen sich die Folgen der Katastrophe immer deutlicher ab. Nachdem das Wasser abgeflossen ist, wagen Minna und ihr Ehemann Christian Frede den gefährlichen Weg zurück ins Dorf, vorbei an vielen verendeten Tieren, die in Ställen angebunden waren. Der Ort ist übersät von tiefen, mit Wasser vollgelaufenen Erdlöchern, Geröll, Schuttbergen und Schlamm. Stehengebliebene Gebäude drohen jeden Moment einzustürzen. Minna und Christian Frede erreichen unter Lebensgefahr ihr Haus am Mühlengraben. 

Durch ein Seitenfenster steigen sie in das schwer beschädigte Gebäude. Dort erleben sie ein kleines Wunder: „Unsere Gans schwamm mit ihren fünf Jungen in der zertrümmerten Küche herum, aber unsere beiden angeketteten Kühe waren ebenso ertrunken wie der Gänserich“, erinnerte sich Minna Frede. Doch sie erleben eine weitere Überraschung: „Unser Schwein lag regungslos auf einer unserer toten Kühe. Als ich das Tier anfasste, bewegte es sich ein bisschen.“ 

Soldaten einer Pioniereinheit aus Hannoversch Münden sind seit dem Morgen auf dem Weg in das Katastrophengebiet. Sie retten mit Schlauchboten in Edertaler Dörfern zunächst Überlebende. Diese hatten sich auf Bäumen oder Hausdächern in Sicherheit bringen können. Am Haus der Fredes angekommen, holen sie das Schwein aus dem verwüsteten Stall. „Wir haben es anschließend nach Buhlen auf den Hof der Familie Zwick gebracht, wo wir untergekommen waren.“ Der Vierbeiner wird bis zum Herbst gefüttert und dann geschlachtet. „Wir waren sehr froh, dass wir etwas zu essen hatten“, erzählte Minna Frede.

Als Soldat der Pioniereinheit aus Hannoversch Münden ist auch ihr Schwager Karl Frede nach Affoldern zurückgekehrt. Er bangt um seine Ehefrau, seine zwei Jahre alte Tochter, die Eltern, Schwiegereltern, den Zwillingbruder, die Schwägerin, Schwester vund Schwager sowie weitere Verwandte. „Das waren die fürchterlichsten Stunden meines Lebens“, gesteht er später. Aber daheim erwartet ihn schließlich seine unversehrt gebliebene Familie.

 

Die Opfer

Keine genauen Zahlen

Die Explosion der britischen Rotationsbombe hatte ein halbovales Loch über eine Breite von etwa 70 Meter und einer Tiefe von 22 Metern in die Talsperre gerissen. Durch die Öffnung stürzten rund 160 Millionen Kubikmeter Wasser in das untere Edertal. Genaue Angaben über die Zahl der Opfer gibt es nicht. 

In einer am 25. Juli 1943 veröffentlichten Traueranzeige im Kasseler Sonntagsblatt wurden die Namen von 47 verstorbenen Zivilisten aufgelistet und erstmalig veröffentlicht. In Affoldern und Giflitz starben demnach jeweils zehn Menschen, in Hemfurth sieben, in Bergheim, Edersee und aus Lohne kam jeweils ein Mensch ums Leben, in Fritzlar neun. In Zennern und Altenburg wurden jeweils drei und in Kassel zwei Personen Opfer des Angriffs. Wie viele Soldaten der Wehrmacht, Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter infolge der Bombardierung ums Leben gekommen sind ist nicht bekannt. 

Vor wenigen Jahren konnte aber die Identität eines Armee-Angehörigen zweifelsfrei geklärt werden, der im Kirchenbuch Affoldern als ein „unbekannter Soldat“ beschrieben wird. Bei dem Mann handelt es sich um den damals 43 Jahre alten Ernst Weber aus Sooden-Allendorf. Der Feldwebel zog in Affoldern Konrad Böttchers Schwiegersohn aus dem reißenden Wasser. Doch sein zweiter Versuch, auch den 74 Jahre alten Konrad Böttcher das Leben zu retten, wurde Ernst Weber zum Verhängnis. Die starke Strömung riss beide mit, Ernst Weber und Konrad Böttcher ertranken. 

Sogar im etwa 60 Kilometer entfernten Kassel forderte die Zerstörung der Edersee-Sperrmauer zwei Todesopfer. Britische Opfer Die Bombardierung der Talsperren forderte auch auf Seiten der Angreifer Opfer. Von 133 beteiligten Soldaten der 617. Fliegerstaffel kamen 53 Männer durch Abschüsse unter anderem über Holland und Belgien oder infolge von Abstürzen der Maschinen ums Leben. Drei Männer entkamen dem Tod durch Fallschirmabsprünge, gerieten dabei aber in Gefangenschaft. (U.K.)

 

Die Talsperre galt als sicher

Nach der Bombardierung wurden Torpedonetze installiert und Flakgeschütze wieder in Stellung gebracht

Die englische Fliegerstaffel hatte mit der Bombardierung ihr Ziel erreicht, denn neben der Sperrmauer wurden einige Wasserkraftwerke im unteren Edertal beschädigt, die unter anderem auch Strom für die deutsche Rüstungsindustrie produzierten. Besonders vom Angriff auf die Edertalsperre versprachen sich die Briten empfindliche Auswirkungen auf die Schiffbarkeit der Weser und des Mittellandkanals. Beide Wasserstraßen spielten damals eine wichtige Rolle beim Nachschub für die Ostfront. 

Waffensysteme und andere Kriegsmaterialien wurden in bis zu 21 Rüstungsbetrieben in Kassel produziert. Dazu zählten das Henschel-Flugmotorenwerk, Junkers, Wegmann und die Fieseler-Werke. Nazi-Deutschland reagierte auf die Zerstörung der Edertalsperre mit der Installation von Torpedonetzen im Wasser vor der Sperrmauer und mit im See treibenden Sprengminen an der Hammerbergspitze sowie mit dem Aufziehen von Fesselballonen und Nebelwerfern. Sie sollten die Talsperre vor weiteren Angriffen schützen. Um die Ortung der Schwergewichtsmauer aus der Luft zu erschweren, erhielt die Mauer sogar einen dunklen Tarnanstrich.

Bis zu den verheerenden Bombentreffern in den frühen Morgenstunden des 17. Mai 1943 galt das Bauwerk nach Meinung vieler als unzerstörbar. So wurde es der Bevölkerung immer wieder von den militärischen Machthabern gesagt, sogar noch wenige Stunden vor dem Angriff der Lancaster-Maschinen. Während einer Luftschutzversammlung im Hemfurther Gasthaus Bergmann heißt es am Abend des 16. Mai, dem damaligen Muttertag, erneut: „Wegen ihrer außergewöhnlichen Lage in dem engen Tal ist die Sperrmauer vor Bomberangriffen sicher.“ 

Die Militärexperten waren derart von ihrer Einschätzung überzeugt, dass sie sogar wenige Tage vor der Zerstörung der Sperrmauer den Befehl zum Abzug von dort installierten Flakgeschützen gaben, um sie an der Ostfront einzusetzen. Nach der Flutkatastrophe ließen sie die Geschütze im Bereich der Sperrmauer wieder eilig in Stellung bringen.

Drei Monate nach dem Angriff: Die Mauerlücke wird geschlossen. Es sind vor allem Zwangsarbeiter, die an der beschädigten Sperrmauer eingesetzt wurden.

 

Zwangsarbeiter schlossen das Loch

Vom Atlantikwall an den Edersee beordert: Die Sperrmauer war schnell repariert

Unmittelbar nach dem Angriff auf die Edertalsperre ging es auf Drängen der Wasserbauverwaltung an das Schließen des halbovale Lochs in der Sperrmauer. Wie schon beim Bau der Talsperre wurden erneut Grauwacke-Steine verarbeitet, die am „Weißen Stein“ nahe Rehbach abgebaut und zur Talsperre transportiert worden waren. Nach nur vier Monaten war die Öffnung durch den Einsatz von etwa 13 000 Kubikmeter Gestein wieder verschlossen. Die anstrengenden Arbeiten erledigten bis zu 2000 Zwangsarbeiter, die binnen kürzester Zeit von der nationalsozialistischen Bauorganisation Todt vom Atlantikwall an den Edersee beordert worden waren. 

Unter ihnen Internierte aus Italien, Kriegsgefangene aus Russland und – wie diese Menschen in Zeiten des Nationalsozialismus abwertend genannt wurden – „jüdische Mischlinge“. Die Männer waren in eilig von holländischen Zimmerleuten errichteten Barracken-Lagern untergebracht. Eines dieser Lager trug die Bezeichnung Gestapo-Anhaltelager Edersee. Es befand sich am Rande des gleichnamigen Dorfes.

Ein weiteres sogenanntes Arbeitserziehungslager hatte die Organisation Todt am Ortsrand von Affoldern eingerichtet. Dort waren vom Naziregime verurteilte Straftäter interniert. Den Zwangsarbeitern wie auch den Internierten wurde beim Wiederaufbau der Sperrmauer sehr viel abverlangt. Täglich 16 Stunden Arbeitszeit an sieben Tagen der Woche waren die Regel. Neun Zwangsarbeiter starben bei der Beseitigung des Bombenschadens. Seit dem Jahr 1997 erinnert eine im östlichen Torhaus der Talsperre angebrachte Gedenktafel an das Leid und Unterdrückung der Männer beim Wiederaufbau der zerstörten Edertalsperre.

Drei Video: Wenn das Edersee-Atlantis auftaucht

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