Familie hinterließ Spuren

Enkelsohn des Regierungs-Baumeisters Pietsch besuchte die Sperrmauer

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Ein geschichtsträchtiger Ort: Folkmar Pietsch an der Kaiserbuche im Ortsteil Edersee. Neben dem Stamm steht ein Tisch mit einen Mühlstein als Platte, an dem das Kaiserpaar und Prinzessin samt Gefolge vor 103 Jahren Platz nahm. An dieser Stelle hatte Kaiserin Auguste Viktoria die Frauen der verantwortlichen Bauleiter auch zu einer Audienz geladen. Fotos:  Klein

Hemfurth-Edersee. Der Bau der Sperrmauer vor über 100 Jahren lag maßgeblich in den Händen des Königlichen Baurats Wilhelm Soldan und von Regierungs-Baumeister Herbert Pietsch (voller Vorname: Paul Erich Herbert), beide von der Preussischen Wasserbauverwaltung mit damaligen Sitz in Hannover.

Die Ingenieure steuerten, koordinierten und überwachten in hauptverantwortlichen Positionen das Errichten der Talsperre. Das Unternehmen Philipp Holzmann aus Frankfurt erhielt am 15. September 1909 den Zuschlag für den Bau.

Der Enkelsohn des Regierungsmeisters, Folkmar Pietsch aus Wegberg im Rheinland, besuchte die Sperrmauer – den Ort, an dem ein Stück seiner Familiengeschichte geschrieben wurde.

Sein Großvater erblickte am 12. Mai 1887 in Glogau (Niederschlesien) das Licht der Welt. „Vermutlich war er nach dem Bau der Edertalsperre als Baurat bei der Generaldirektion der Staatseisenbahnen beschäftigt“, erzählte Folkmar Pietsch.

Hohe Auszeichnung

Laut eines Zentralblatts der Bauverwaltung vom 2. Juni 1917, herausgegeben vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Berlin, wurde Baumeister Pietsch zusammen mit Oberbaurat Vogt vom König von Sachsen mit dem Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens ausgezeichnet.

Herbert Pietsch, verheiratet mit Marianne Winkler, hatte drei Söhne und zwei Töchter. „Eine lebt noch in einem Altenheim in Laupheim. Sie wird am 4. September 100 Jahre alt. Die jüngere der beiden Mädchen, Ursel, wurde in Hemfurth geboren. Sie starb 1997 auf Norderney.“

Ihr Vater, der Regierungs-Baumeister, sei am 30. Juli 1958 in Naumburg an der Saale in der ehemaligen DDR gestorben, sagte Folkmar Pietsch. Die Schwiegertochter von Herbert Pietsch und Mutter von Folkmar Pietsch, ist heute 98 Jahre alt und lebt in einem Pflegeheim in Hohen Neudorf bei Berlin.

„Von Erzählungen meiner Mutter Henriette und meiner Großmutter Marianne, die am 30. Mai 1880 in Bunzlau geboren wurde und am 12. Mai 1959 in Naumburg an der Saale starb, weiß ich einige Dinge vom Besuch des Kaisers am 19. August 1911 an der Sperrmauer.“

Folkmar Pietschs Vater Günter war damals knapp fünf Jahre alt. Ihn hatte sich die Sperrmauer-Bauleitung für eine besondere Aufgabe an jenem Tag ausgesucht. Der kleine Günter sollte der Kaiserin einen Blumenstrauß als Willkommensgruß überreichen. Doch es kam anders als geplant. „Er war wohl so aufgeregt, dass er dem verdutzten Kaiser den Blumenstrauß in die Hände drückte und in Windeseile davonlief“, erzählte Folkmar Pietsch.

Vermisste Prinzessin

Doch nicht nur Günter sorgte an diesem Tag für Aufregung. Prinzessin Viktoria Luise, damals 18 Jahre alt, war ebenfalls mit an die Baustelle gereist. Eine Audienz ihrer Mutter in der Nähe der Sperrmauer im Schatten der heutigen Kaiserbuche, war ihr offenbar zu steif. „Sie verschwand. Nach der Audienz wurde sie denn auch vermisst und schließlich entdeckt.“

Sie tobte mit Folkmar Pietschs Vater Günter und seinem damals drei Jahre alten Onkel Klaus sowie Kindern anderer Bauingenieure in den eigens errichteten Beamtenhäusern und Gärten herum.

„Sie kletterten ganz unkaiserlich durch die Fenster hinaus und wieder hinein. Wahrscheinlich waren die Hofschranzen der Ohnmacht nahe, doch die junge Prinzessin hatte ihre helle Freude“, erzählte Folkmar Pietsch.

Von Uli Klein

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