Nach 1945 mehr Flüchtlinge als heute

Ein Flüchtling erinnert sich: Ilse Klages wurde aus Nordschlesien vertrieben

+
Der Flüchtlingsausweis war mit der Einrichtung einer Suchdatei verbunden. Er diente der Zusammenführung auseinandergerissener Familien. Daneben Ilse Rauschs Mitgliedskarte des Sportvereins von 1947.

Waldeck-Frankenberg. Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Waldeck-Frankenberg. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg waren es noch viel mehr. Ilse Klages, geborene Rausch, war 16 Jahre alt, als sie aus ihrer Heimat in Niederschlesien vertrieben wurde.

Ilse Klages stammt aus Faulbrück im Kreis Reichenbach in Niederschlesien. Der Ort ist seit 1945 polnisch und heißt Moscisco. Sie lebte dort bis kurz nach Kriegsende mit ihrer Familie.

Die Rote Armee hatte vor Kriegsende bereits Teile Schlesiens erobert. Die Alliierten beschlossen schließlich die Umsiedelung von Polen und Deutschen. Ohne ihre Eltern und ohne ihren Bruder musste die 16-jährige Ilse Rausch fort. Ihre Mutter wollte, dass sie in Sicherheit gebracht wurde - weg von den Russen, die damals Mädchen im Dorf vergewaltigten. „Ich hatte so eine Angst“, sagt Ilse Klages heute.

Mit der Familie Behle, bei der sie 1943 ihr Pflichtjahr absolviert hatte, ging sie nach Westdeutschland - nach Vasbeck. Denn von dort stammte Heinrich Behle, und seine Frau war aus Kohlgrund.

Die „Evakuierung“ führte die Jugendliche für 14 Tage in das Quarantänelager Prossen bei Bad Schandau an der Elbe. „Die Suppe ist ziemlich dünn“, schrieb sie in ihr Tagebuch, das noch erhalten ist. Ilse Klages berichtet von einem Transport in einem Viehwaggon. Sie erinnert sich an den quälenden Hunger. Als sie einmal an eine Kartoffel gekommen sei, habe sie diese im Ofen in einer Baracke gekocht. „Das hat so gut geschmeckt.“

In Vasbeck wurde sie gut aufgenommen. „Ich bin sofort in den Sportverein eingetreten und habe dort Handball gespielt. Ich musste mich aber um alles selbst kümmern.“

Ilse Klages, geborene Rausch, wurde aus Schlesien vertrieben. Das kleine Bild zeigt sie als Konfirmandin. Sie fand eine neue Heimat in Vasbeck. Dort waren 1950 von 703 Einwohnern 127 Vertriebene.

In den Häusern wurden teilweise viele Flüchtlinge untergebracht. „Viele Ältere waren skeptisch. Sie wollten keine Flüchtlinge haben“, sagt Ilse Klages. „Sie wollten nach ihren Gewohnheiten leben und keine Zimmer abgeben.“ Die junge Frau aus Faulbrück hatte das Glück, evangelisch getauft zu sein und in eine evangelische Gegend zu kommen. Die Konfession spielte für die Menschen damals noch eine größere Rolle.

Flüchtlinge bekamen als einmalige Unterstützung 100 Mark. „Es gab nichts zu essen“, erinnert sich Ilse Klages. Auf dem Lande war die Situation immerhin besser als in den Städten. „Deshalb kamen viele Mädchen aus dem Ruhrgebiet hierher.“ Eine Unterkunft und Essen, das sei das Dringendste, was Flüchtlinge benötigen. „Es ist schlimm, wenn sich Flüchtlinge nicht verständigen können. Ich kam hierher und war den Leuten bekannt, ich konnte die Sprache und sah nicht fremd aus.“

Die Infrastruktur wirkte rückständig auf sie. „In meiner Heimat gab es eine zweigleisige Bahnstation, aber hier fuhr kein Bus.“

Im Winter 1946 lernte Ilse Klages in Kohlgrund auf einem Bauernhof das Melken. Ein Jahr lang arbeitete sie dann in Vasbeck auf einem landwirtschaftlichen Betrieb - für 30 Mark im Monat. „Ich musste mich durchbeißen. Gar nichts zu machen, ging nicht. Ich wäre verhungert.“

Heimweh hatte sie aber kaum. Zum einen kannte sie die Familie Behle bereits. Und: „Ich habe ja gleich Willi kennengelernt“ (ihren späteren Ehemann). Dadurch war die Integration im Dorf einfacher.

Von Stefanie Rösner

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.