Unterwegs von Stall zu Stall - Blick in die Arbeit einer Tierärztin

Waldeck-Frankenberg. Es ist ein dramatisches Bild, das sich Tierärztin Katja Sandlöhken bietet: Ihr Patient hat Schmerzen. Die HNA hat eine Landtierärztin bei ihrer Arbeit begleitet.

Das Pferd kann seit einigen Stunden nicht mehr aufstehen, der komplette hintere Teil des Körpers ist gelähmt. Tierärztin Katja Sandlöhken, die von der Besitzerin angerufen wurde, versucht, dem 20-jährigen Wallach mit Infusionen und Schmerzmitteln wieder auf die Beine zu helfen - vergebens. Da der Zustand des Tieres immer schlechter wird, muss sich Sandlöhken für eine Einschläferung entscheiden.

Die Erlösung von Tieren gehört zum Alltag. „Routine wird das nie. Aber man muss den Abstand zu solchen Ereignissen wahren, sonst geht man daran kaputt“, sagt Sandlöhken. Seit 20 Jahren ist sie bereits Tierärztin, davon arbeitet sie sieben als Angestellte in der Praxis für Groß- und Kleintiere von Almut Vockert in Edertal. Dort ist sie zuständig für die Großtiere in der Region.

An vier Tagen in der Woche fährt sie landwirtschaftliche Betriebe und Privathalter in der Region mit dem Auto ab. Von der Praxis bekommt sie eine Liste mit den jeweiligen Patienten. „Jeder, der Hilfe braucht, kommt dran.“

Auch Sandlöhken und ihren Kollegen macht der Nachwuchsmangel zu schaffen: Lange Arbeitszeiten, viel Verantwortung und ein hohes Pensum von Einsätzen kosten Kraft. Viele Studenten der Veterinärmedizin können sich eine spätere Tätigkeit im ländlichen Raum nicht vorstellen, bleiben deshalb den Praxen fern.

Ein großes Problem seien auch die Erwartungen an die berufliche Praxis, häufig geprägt durch Fernsehserien. In kaum einem Beruf klafften Vorstellung und Realität weiter auseinander. „In meinem Job hat man viel mit Blut und Dreck zu tun. Daran ist nichts romantisch“, stellt Sandlöhken klar. Leider merkten das junge Tierärzte erst, wenn sie die Universitäten verließen und erste Praxiserfahrungen machten. „Wir bräuchten mehr Absolventen, die nicht nur theoretisches Wissen haben, sondern vor allem Sachverstand und auch zupacken können.“ Die Milchkuh im nächsten Stall hat vor Kurzem gekalbt. Jetzt soll Sandlöhken die Nachbehandlung übernehmen. Auf den ersten Blick ist für die Tierärztin zu erkennen: Die Nachgeburt ist nicht abgegangen. Um eine Entzündung zu verhindern, muss das verbliebene Gewebe mit der Hand entfernt werden - ein Knochenjob. „Man weiß nie, was einen bei den Einsätzen erwartet. Aber das Wohl des Tieres steht immer im Vordergrund.“

Für die tierischen Patienten gibt es einen Notdienst rund um die Uhr. Kurz vor Feierabend - es ist ungefähr 20 Uhr - wird Sandlöhken telefonisch noch ein Notfall gemeldet: Ein Mutterschaf hat ein entzündetes Euter, das Lamm bekommt nicht genügend Milch. Mit Medikamenten versucht Sandlöhken, die Entzündung in den Griff zu bekommen. Ob das Schaf durchkommt, ist zu dem Zeitpunkt noch ungewiss.

Von Christine Heinz

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